Neue Serie: Innenstadt im Wandel

Kassels Zentrum erfindet sich neu: Wo der Wandel bereits sichtbar wird

Baustelle für neues Wohn- und Geschäftshaus an der Oberen Königsstraße 45a
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An vielen Stellen ist der Wandel schon zu sehen: An der Oberen Königsstraße entsteht ein neues Wohn- und Geschäftshaus an Stelle eines maroden Altbaus, wo zuletzt die Parfümeriekette Douglas eine Filiale betrieb. Die Etagen darüber standen schon lange leer.

Die Innenstadt verändert sich vom reinen Einkaufsort zum facettenreichen Zentrum städtischen Lebens. Wir beleuchten Aspekte dieser Entwicklung in einer neuen Serie.

Kassel – Mit den jüngsten Corona-Lockerungen fühlt sich der Besuch im Zentrum von Kassel wieder ein gutes Stück normaler an. Die Pandemiezeit hat aber offengelegt, dass die Innenstadt vor einem tief greifenden Wandel steht: Etliche Geschäfte haben vor dem Hintergrund von Krise und Online-Konkurrenz jüngst aufgegeben, mit dem Modekaufhaus Peek & Cloppenburg zieht sich zum Jahresende sogar einer der großen Einkaufsmagneten zurück.

Für die Immobilie werde sich sicher bald ein neuer Interessent finden, glaubt Martin Schüller, Geschäftsführer vom Einzelhandelsverband Hessen-Nord. Doch Einkaufsangebote allein würden in Zukunft nicht mehr ausreichen, um das Stadtzentrum lebendig zu erhalten. Auch mit den aktuell erleichterten Shoppingmöglichkeiten erwartet Schüller allenfalls 70 bis 75 Prozent der Publikumsströme wie zu Zeiten vor der Pandemie. Die Entwicklung hin zum Homeoffice und ein verändertes Einkaufsverhalten seien Gründe für diesen Rückgang. Es brauche Impulse, um mehr Menschen in die Stadt zu locken – durch Gastronomie, Kultur, Dienstleistungen und Veranstaltungen.

Innenstatd von Kassel im Wandel: Stärkung als Wohnquartier

Kassels Stadtbaurat Christof Nolda hat noch einen weiteren Aspekt im Blick: die Stärkung der Innenstadt als Wohnquartier. Hier hat die Stadt gemeinsam mit Eigentümern schon mehrere Umnutzungs- und Neubauprojekte auf den Weg gebracht, etwa nahe dem Königsplatz. Nolda schätzt, dass mittelfristig „eine hohe dreistellige Zahl“ von Wohnungen im Zentrum entstehen könnten.

Als Ausgehziel nach Ladenschluss hat Kassels Innenstadt in den letzten Jahren bereits an Anziehungskraft gewonnen: Etliche neue Lokale haben sich angesiedelt, am Rand des Friedrichsplatzes soll es demnächst einen geräumigen Biergarten geben. Mit dem „Ruru-Haus“ der documenta mitten in der Fußgängerzone ist es zudem gelungen, ein lange brachliegendes Kaufhausgebäude zum kulturellen Anziehungspunkt zu machen.

Kassel: Corona-Pandemie hat Spuren in der Innenstadt hinterlassen

Es klingt wie ein Widerspruch, doch der Wandel der Innenstadt weg vom reinen Einkaufsort könnte nicht zuletzt auch den Geschäftsbetreibern nützen. Laut Handelsfunktionär Schüller ist zu beobachten, dass die bisher üppigen Ladenmietpreise im Zentrum bei Neuverträgen teils erheblich moderater ausfallen. Damit könnten neben finanzstarken Filialketten vermehrt auch örtliche Einzelhändler und Gründer zum Zuge kommen. Schüller sieht darin „eine Chance, dass künftig nicht mehr alles so uniform aussieht“ in der Stadt.

Dort hat die Pandemiezeit sichtliche Spuren hinterlassen. Entlang der Königsstraße und auch in den Einkaufsgalerien stehen aktuell einige Ladenlokale leer. Doch bei allen Schwierigkeiten geht im Stadtzentrum einiges voran – auch aus der Geschäftswelt kommen dabei positive Impulse.

Galeria investiert in Kasseler Warenhaus
Der Kaufhauskonzern Galeria hat größere Investitionen in sein Kasseler Warenhaus (früher Kaufhof) angekündigt. Laut einer Sprecherin sollen sämtliche Abteilungen eine Aufwertung mit neuen Möbeln, Bodenbelägen und Beleuchtungen bekommen. Dies habe in der 4. Etage bereits begonnen, Mitte Juni gehe die Umgestaltung im 1. und 2. Obergeschoss weiter. Auch die Außenfassade werde bis zum Herbst neu gestaltet. Die Modernisierung sei „ein deutliches Bekenntnis für die Zukunft am Standort“, sagte der örtliche Geschäftsleiter Stephan Engel.

Woolworth kommt wieder
Während andere Handelsketten ihr Filialnetz verkleinern, kehrt Woolworth an seinen 2010 aufgegebenen Standort gegenüber dem Rathaus zurück. Die zuletzt dort ansässige Modekette 1982 hat die Ladenräume aufgegeben. Am 17. Juli soll die Wiedereröffnung von Woolworth sein, der Schriftzug ist schon angebracht. Der Anbieter günstiger Waren des täglichen Bedarfs hat auch in der Pandemie gute Geschäfte gemacht und will seine Filiale im Kulturbahnhof weiter behalten.

Aktion gegen Leerstand
Einige Läden, die im Zentrum zur Vermietung stehen, wirken seit Kurzem nicht mehr so trist: Das Citymanagement hat gemeinsam mit Immobilieneigentümern, City-Kaufleuten und Kassel Marketing für eine ansprechende Beklebung der leeren Schaufensterflächen gesorgt. Mehrere Motive können dafür genutzt werden; manche präsentieren Wissenswertes über Kassel, andere sind einfach optisch reizvoll. Jeweils eingearbeitet sind Informationen zum jeweiligen Ladenlokal mit Kontaktadresse, damit sich Mietinteressenten finden und möglichst bald wieder Leben in die Läden einzieht.

Peek &Cloppenburg noch auf der Suche
Der Modehändler Peek & Cloppenburg (P&C) hat angekündigt, sein großes Modekaufhaus am Königsplatz zum November aufzugeben, weil man sich mit dem Gebäudeeigentümer nicht über „wirtschaftlich tragfähige“ Mietvertragskonditionen habe einigen können. P&C würde aber offenbar grundsätzlich gern in Kassel bleiben, falls sich eine Alternative in erster Geschäftslage fände. Endgültig verloren ist dieser Einzelhandels-Akteur für die Stadt also noch nicht.

Mietpreise als Problem
Der Fall wirft ein Schlaglicht auf ein grundsätzliches Problem der Innenstadt: Viele Geschäftshäuser gehören institutionellen Anlegern wie Immobilienfonds und Versicherungen, die mit Blick auf die Mieteinnahmen hohe Renditeerwartungen haben. Die Pandemie sorgt hier allerdings für Bewegung. In ihrem Frühjahrsgutachten für Handelsimmobilien schreibt das Kölner Handelsforschungsinstitut EHI: „Die Vermieter werden sich auf sinkende Mieten einstellen müssen.“ Ein Rückgang von Kaufpreisen und Spitzenmieten sei in den Innenstadtlagen bereits zu beobachten.

Neue Nutzungen
Für die Zukunft prognostizieren die Handelsforscher, dass der innerstädtische Einzelhandel „im Nutzungsanteil und in der Größe der Flächen nicht mehr auf sein altes Niveau zurückkehren wird“. Somit wird auch in Kassels Zentrum einiger Platz verfügbar, der bislang dem Einkaufen diente. Wie man solche Flächen neuen Funktionen widmen kann, zeigen diese Beispiele: Nach zwei Jahren Leerstand ist das alte Kaufhaus am unteren Ende der Treppenstraße zum Kunsthaus geworden, in dem die kommende documenta bereits erfahrbar wird. Und im historischen Bau von Commerzbank und Drogerie-Müller am Königsplatz werden derzeit die oberen Etagen zu Innenstadtwohnungen ausgebaut. Auch in dem Neubau, der in der nahen Baulücke an der Oberen Königsstraße entsteht, wird außer im Erdgeschoss schwerpunktmäßig gewohnt werden.

Neben solchen und anderen neuen Nutzungsideen wird es auch Rückenwind aus dem Rathaus und vom Stadtparlament brauchen, damit Kassels Zentrum den Wandel schafft. „Die Politik muss in den kommenden Jahren ihr Augenmerk vor allem auf die Förderung der Innenstädte legen“, heißt es in dem Gutachten des Handelsforschungsinstituts EHI. (Axel Schwarz)

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