Italiener stehen zum Euro, glauben aber nicht an schnelle Reformen in ihrer Heimat

Katerstimmung nach der Wahl

Immer am Puls der Heimat: Der 28-jährige Deutsch-Italiener Claudio Carciola glaubt an Europa und den Euro. Er hofft, dass Italien bald wieder Wachstum erwirtschaftet. Foto: Koch

kassel. Die Wahlergebnisse in Italien, über die ganz Europa diskutiert, beschäftigen auch die in Kassel lebenden Italiener. Vor allem die italienischen Gastronomen bekommen die Debatten ihrer Landsleute in ihren Restaurants und aus ihrer Heimat mit.

Toni Nadalet, Inhaber von Marco´s Bar im Vorderen Westen, meint, dass die Wahl eine Absage an die bisherige Politik ist. „Gerade die hohe Zustimmung zur Protestpartei zeigt, dass Italiener genug haben von den Eskapaden der letzten Jahre“, sagt der gebürtige Italiener. Für den 60-Jährigen ist ein Umbruch in seinem Heimatland unausweichlich. Er sieht aber auch Deutschland in der Pflicht: „Für einen Neuanfang muss Deutschland Italien Vertrauen schenken“, sagt Nadalet. Dann steige in Italien auch wieder das Vertrauen zu Europa und dem Euro.

„Italien hat eine große Historie, wenn wir Seriosität wollen, muss die Korruption ein Ende haben.“

Claudio Carciola

Ähnlich sieht es auch der Betreiber des La Galleria im Atrium in Bad Wilhelmshöhe, Claudio Carciola. „Wir stehen zu Europa und brauchen endlich wieder Wachstum“, sagt der 28-Jährige. Der Anhänger des Mitte-Links Präsidentschaftskandidaten, Pier Luigi Bersani, verlangt eine andere politische Kultur. „Italien hat eine große Historie, wenn wir Seriosität wollen, muss die Korruption ein Ende haben“, fordert der Gastronom. Weil sich die Meinungen im Land an Silvio Berlusconi deutlich spalten und die Politikverdrossenheit zunehme, sieht er Veränderungen eher skeptisch.

Vom politischen Ärger aus der Heimat hat Andreas Alfonso, Inhaber des Restaurants Sapori O‘Italia am Bebelplatz, genug. „Ich war nicht wählen und meine Familie redet auch nicht mehr über Politik“, sagt der gebürtige Sizilianer. „Die machen doch sowieso, was sie wollen“, fügt der 35-Jährige hinzu. Mario Monti mache nur Versprechungen, Berlusconi sei ein Betrüger und der Rest unbekannt. Den Euro und seine Vorzüge befürwortet er.

Mit 18 Jahren kam Salvatore La Rocca, Chef des Boccaccio, nach Deutschland um zu arbeiten. Seine Familie lebe noch dort, und die Stimmung im Land sei schlecht. „Die vielen Steuererhöhungen von Mario Monti haben der Bevölkerung viel abverlangt“, sagt der 61-Jährige. Dennoch habe er ihn gewählt, weil Berlusconi nur Versprechungen mache. Doch auch gegenüber Montis Reformen ist er skeptisch. „Das italienische Volk hat die Situation noch nicht verstanden“, kritisiert er. Am Euro müsse man aber weiter festhalten. Fotos:  Nortowski

Von Igor Nortowski

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