Free Jazz zur Eröffnung

Kaufungener spielte als Bassist zum Auftakt der ersten documenta

Das Henner-Urff-Quartett im Hotel „Hessenland“: Henner Urff - Vibraphon, Rudolf Gilly (leicht verdeckt) - Piano, Erwin Schaub - Kontrabass und Günter Schaak - Schlagzeug (von links). Die Aufnahme stammt vermutlich aus dem Jahr 1956. Foto:  privat/nh.

Vor 60 Jahren fand die erste documenta statt. In einer Serie stellen wir Menschen vor, die besondere Geschichten zu der Ausstellung beisteuern können. Heute: Erwin Schaub.

documenta-Gründer Arnold Bode war ein Jazz-Fan. Sphärisch sollte die Musik sein, erinnert sich Erwin Schaub. Der heute 80-jährige Kaufunger spielte einst als Bassist des Henner-Urff-Quartetts zur Eröffnungsveranstaltung der „documenta 1“.

„Swingender Jazz war unsere Passion, wir spielten live und ohne Verstärker im Stil des US-amerikanischen Pianisten George Shearing“, berichtet Architekt Schaub über die Musik der Band in den 1950er Jahren. Für den Auftritt zur Premiere der ersten Weltkunstausstellung habe das Quartett auf besonderen Wunsch von Arnold Bode eine neue Form von Jazz kreiert, die es bis dahin noch nicht gab.

„War es Free-Jazz in einer frühen Form oder war es eher Ulk“, fragt sich der Zeitzeuge noch bis heute. Man habe viel improvisiert. Bandleader und Autodidakt Henner Urff setzte ein Vibraphon ein, um mit metallenem Klang Bodes Vorstellung nach dem Sphärischen nahezukommen. „Dem Vernissagen-Publikum - darunter viel Prominenz und Künstler aus westeuropäischen Ländern - hat die leicht tragende, sich verflüchtende und mit Rhythmus unterlegte Musik gefallen“. Das sei gerade durch die Improvisation etwas Einmaliges gewesen, erinnert sich Schaub.

Viele Begegnungen mit Bode

Der Bassist denkt gern an die Begegnungen mit Arnold Bode (1900-1977) zurück, auch an die Engagements der Band bei Atelierfesten auf der Marbachshöhe oder Künstler-Konzerten in der Bahnhofsgaststätte Henkel, dem heutige Bali-Kino. Der stets elegant gekleidete Maler, Zeichner und Hochschullehrer habe immer von „wir“ und nie von sich gesprochen. Bode sei vor allem von einer Portion Verrücktheit geprägt gewesen, seine Besessenheit habe sich auf die Band übertragen, berichtet der Zeitzeuge.

Klavier statt Bass: Den Bass hat Erwin Schaub weggestellt, heute setzt er sich gerne ans Klavier, um den Jazz für sich zurückzuholen. Foto: Wohlgehagen

Erwin Schaub kann sich ebenfalls noch gut an die äußeren Rahmenbedingungen für die documenta 1 erinnern: Vom Fridericianum waren nach dem Krieg praktisch nur Mauern ohne Inhalt geblieben, schildert er. Dem documenta-Gründer und seinen Studenten habe das Fragment gefallen. Für Präsentation der Werke zeitgenössischer Kunst habe Arnold Bode Wände gestellt und Tücher gehängt. Damit sei der Weg des klassizistischen Gebäudes als erstes öffentliches Museum Europas und als Keimzelle der Weltkunstausstellungen in Kassel bereitet worden, sagt Erwin Schaub. Er sei stolz, bei der ersten documenta dabei gewesen zu sein.

Von Hans-Peter Wohlgehagen

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