Kein Beweis für Nötigung

Gericht spricht Mann von Vorwurf der Vergewaltigung eines Jugendlichen frei

Kassel. Mit einem Freispruch ist am Dienstag der Vergewaltigungsprozess gegen einen 50-Jährigen vor dem Kasseler Landgericht zu Ende gegangen.

Nur eine gute halbe Stunde dauerte der zweite und letzte Verhandlungstag, dann stand das Ergebnis fest. Sogar auf die Anhörung des psychiatrischen Sachverständigen, der den Mann begutachtet hatte, war zuvor einvernehmlich verzichtet worden. Denn auch so waren sich alle Beteiligten einig: Dass der Angeklagte 2009 einen damals 15-Jährigen dreimal zu sexuellen Handlungen genötigt habe, lasse sich nicht nachweisen.

„Wir haben nichts, was übrig geblieben ist“, sagte Strafkammervorsitzender Volker Mütze. Zwar hatte das vermeintliche Opfer nicht nur Polizei und Therapeuten ausführlich von den angeblichen Übergriffen erzählt, sondern auch seinem großen Bruder. Was der dann zum Vorwand genommen hatte, den 50-Jährigen brutal zu verprügeln und um ein Haar zu erstechen: Er sitzt nun wegen versuchten Totschlags hinter Gittern.

Als es nun darum ging, die Vergewaltigungsvorwürfe vor Gericht zu bestätigen, da hatte der kleine Bruder gekniffen. „Ich weiß davon gar nichts mehr“, hatte er am ersten Verhandlungstag erklärt. Und je mehr Gericht und Staatsanwaltschaft ihn mit Nachfragen bedrängten, desto unwilliger war er geworden. „Ich wollte diese Scheißanzeige gar nicht machen!“, schimpfte er. Und gab zu: „Ich hab auch viel Scheiße gelabert.“

Also alles nur ausgedacht? Das mochte der unterdessen volljährig gewordene junge Mann dann auch nicht sagen. Er habe halt keine Erinnerung mehr, beteuerte er. „Und wenn es so gewesen sein sollte, müsste ich mich doch eigentlich dran erinnern.“ Für eine Verurteilung des Angeklagten reichte das nicht aus.

Gleichwohl ist der 50-Jährige nicht aus dem Schneider. Der Mann hatte eingeräumt, mit dem Jugendlichen geschlafen zu haben. Aber ohne Zwang. Weil auch das unter bestimmten Umständen strafbar sein kann, drohen ihm nun neue Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. Zu prüfen ist, ob es zu dem Sex gegen Bezahlung oder „unter Ausnutzung einer Zwangslage“ gekommen ist. Dann wäre es als sexueller Missbrauch von Jugendlichen einzustufen.

Ganz abwegig erscheint das nicht: Der 15-Jährige gehörte zu einer Gruppe von Jugendlichen, die damals regelmäßig bei dem Angeklagten ein und aus gingen. Die Konflikte mit Schule, Eltern oder dem Gesetz hatten und bei dem Angeklagten Unterschlupf fanden. Dass er ihnen nicht nur mit Kost und Logis, sondern gelegentlich auch mit Geld half, steht fest. Ein Zusammenhang zwischen dieser Unterstützung und sexuellen Gegenleistungen scheint nahezuliegen. Angeklagter wie Jugendliche haben das vor Gericht allerdings vehement bestritten.

Von Joachim F. Tornau

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.