In Kassel kein Modellprojekt wie in Amsterdam und Essen

Vorstoß der CDU abgelehnt: Kein Bier-Lohn für Alkoholiker

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Suchtkranke Straßenkehrer bekommen Bier als Lohn: Das Modellprojekt wurde in Amsterdam Ende 2013 gestartet.

Kassel. Mit Besen und Bier soll in Amsterdam und demnächst auch in Essen (NRW) alkoholkranken Menschen geholfen werden, eine Struktur in ihren Alltag zu bringen. In Kassel wird es solch ein Projekt für Suchtkranke nicht geben.

Ein entsprechender Vorstoß der CDU-Fraktion wurde am Donnerstag mit den Stimmen von SPD, Grünen und FDP im Ausschuss für Recht und Sicherheit abgelehnt.

Bürgermeister Jürgen Kaiser (SPD) begründete seine Ablehnung damit, dass es in Kassel bereits seit 1999 ein ähnliches Modell namens „Nau-Job“ gebe, das über die Drogenhilfe Nordhessen organisiert wird. „Nau-Job“ habe ebenfalls das Ziel, suchtkranke Menschen in Arbeit zu bringen, so Kaiser. Allerdings bekämen die Süchtigen in Kassel (laut Kaiser gibt es derzeit 20 Plätze) Geld für ihre Arbeit und keinen Alkohol. „Wir haben das bessere Projekt. Amsterdam könnte von Kassel lernen.“

Deshalb lehnte Kaiser auch den CDU-Antrag ab. Darin wurde der Magistrat aufgefordert, zu prüfen, ob das holländische Bier-Straßenkehrerprojekt auch in Kassel etabliert werden könnte. In Amsterdam werden seit Ende 2013 alkoholkranke Menschen, die Straßen und Parkanlagen reinigen, von einer Stiftung mit Bier bezahlt. Die Suchtkranken arbeiten drei Tage pro Woche und bekommen dafür pro Arbeitstag zehn Euro, ein halbes Päckchen Tabak und fünf Dosen Bier.

In Essen soll demnächst ebenfalls mit dem Modell-Projekt „Pick up“ gestartet werden, das den Suchtkranken eine Tagesstruktur bieten soll. Ein genauer Starttermin stehe aber noch nicht fest, sagt eine Mitarbeiterin der Essener „Suchthilfe Direkt“ am Freitag auf Anfrage der HNA.

Der SPD-Stadtverordnete Norbert Sprafke bezeichnete das Projekt als „pervers“. Man dürfe Alkoholkranke für ihre Arbeit nicht mit Bier belohnen, damit sie auch noch „benebelt“ würden.

Der Christdemokrat Stefan Kortmann, Vorsitzender des Ausschusses, wies diese Kritik zurück. Es gehe seiner Fraktion ja nur um einen Prüfauftrag. Zudem richte sich das Kasseler Projekt „Nau-Job“ an Drogenabhängige, nicht an Alkoholiker. Es gebe keine klassische Trennung zwischen Alkoholikern und Drogenabhängigen, die sich in der Stadt aufhielten, erwiderte Kaiser.

Das bestätigt auch Sozialarbeiter Kai Schildheuer, der das Projekt „Nau-Job“ von 2005 bis 2013 bei der Drogenhilfe betreut hat, und jetzt im Café Nautilus arbeitet. Drogenabhängige, die Methadon als Ersatz nehmen, tränken mitunter auch viel Alkohol.

Schildheuer hat sich immer gegen Alkohol bei „Nau-Job“ ausgesprochen. Das Projekt habe schließlich zum Ziel, Suchtkranke zumindest für einen halben Tag von Drogen und Alkohol fernzuhalten. „Dann hat die Sache einen Wert.“ Natürlich sei es auch wiederholt vorgekommen, dass Teilnehmer während der Arbeitszeit zur Flasche gegriffen hätten. Das Gros der Klienten habe aber profitiert. Durch die Arbeit sei ihr Selbstwertgefühl wieder gestiegen, sagt Schildheuer.

Hintergrund: "Bedarf deutlich höher"

Das Projekt "Nau-Job" der Drogenhilfe Nordhessen stellt abstinenten oder substituierten drogenabhängigen Frauen und Männern Arbeitsmöglichkeiten (z. B. Grünflächenreinigung) zur Verfügung. Die Klienten sollen Schritt für Schritt ihre Arbeitsfähigkeit wiedererlangen. Laut Sozialarbeiter Kai Schildheuer nehmen derzeit nur noch neun Frauen und Männer daran teil. Allerdings sei der Bedarf in Kassel deutlich höher. Klienten, die eine Erwerbsminderungsrente oder eine Erwerbsunfähigkeitsrente beziehen, aber noch bis zu drei Stunden pro Tag arbeiten könnten, seien unverständlicherweise bei "Nau-Job" ausgeschlossen worden.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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