Kein Geld mehr für Rabbi - Shlomo Freyshist hat Jüdische Gemeinde verlassen

Ilana Katz

Kassel. Elf Jahre lang war Shlomo Freyshist als Rabbiner in der Jüdischen Gemeinde in Kassel tätig. Jetzt hat der jüdische Schriftgelehrte Anfang Juli Nordhessen verlassen.

Die Gemeinde hat kein Geld mehr, um ihn weiter zu bezahlen. „Das ist sehr schade für Kassel und für mich persönlich“, sagte der 42-Jährige gegenüber der HNA. „Es waren schöne Jahre für mich in Kassel.“ Freyshist, der Vater von drei Kindern ist, hat bereits eine neue Stelle bei der Israelitische Kultusgemeinde in Nürnberg angetreten.

Die Gemeinde habe sich das Rabbiner-Gehalt nicht mehr leisten können, bestätigt Vorsitzende Ilana Katz auf HNA-Anfrage. Man sei Shlomo Freyshist dankbar für seine langjährige Arbeit, betont sie. Das Gehalt habe jedoch über die Hälfte des Gemeindebudgets ausgemacht. Vor einem Jahr habe man Freyshist daher bereits signalisiert, dass die Situation nicht mehr lange tragbar sein werde. „Wir haben ihm genug Zeit gelassen, sich neu zu orientieren“, sagt Katz. Die Gemeinde, die aktuell rund 900 Mitglieder zählt, hat nach Angaben der Vorsitzenden etwa 120.000 Euro im Jahr zur Verfügung. Davon müssten die Synagoge unterhalten und das Personal bezahlt werden (Rabbiner, zwei Türsteher, Gemeindemitarbeiterin, Putzfrau). Alle anderen Arbeiten in der Gemeinde würden ehrenamtlich geleistet.

Weil die Mitgliederzahl innerhalb der vergangenen zehn Jahre um 300 gesunken sei, habe sich die Zuweisungssumme vom Landesverband leicht verringert. Zudem seien zwei finanzielle Förderer der Gemeinde ausgefallen. Dementsprechend müsse man jetzt noch strenger haushalten als bisher, sagt die Vorsitzende. „Aber wir sind eine starke Gemeinde und werden das schaffen“, sagt Katz.

Auch wenn in der schwierigen Situation Unterstützung willkommen wäre, wolle die Gemeinde nicht als Bittsteller auftreten, ist der Vorsitzenden wichtig. Vor allem wolle man vermeiden, dass dabei Schuldgefühle gegenüber Juden eine Rolle spielten.

Nur noch Teilzeit

Übergangsweise behilft sich die Gemeinde derzeit mit sogenannten Wanderrabbinern, die am Sabbat (Samstag) die Thora lesen. Man wolle aber unbedingt wieder einen festen Rabbiner für Gottesdienst und Seelsorge einstellen.

Die Gemeinde hofft, bis September, wenn mit dem jüdischen Neujahr (Rosh Hashana) und Yom Kippur (Versöhnungstag) hohe Feiertage anstehen, einen Nachfolger zu finden. Voraussichtlich werde es künftig einen Rabbiner und einen Kantor in Teilzeit geben. Vielversprechende Kandidaten gebe es bereits. Diese würden dann nicht mehr in Kassel leben. Dadurch spare man die Kosten für die Wohnung, die dem Rabbi bisher gestellt wurde.

Nicht nur die begrenzten finanziellen Mittel erschwerten die Suche, sagt Katz. Viele Rabbiner legten auch Wert auf eine religiöse Erziehung ihrer Kinder. Die Gemeinde verfüge aber weder über einen jüdischen Kindergarten noch eine Schule.

Hintergrund: Unterstützung von Land und Stadt

Die Jüdische Gemeinde finanziert sich mit Geld aus der von Juden geleisteten Kultussteuer (Kirchensteuer), den Zuweisungen des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden in Hessen und einem Beitrag der Stadt Kassel. Die Stadt unterstützt die Gemeinde seit 2008 mit 60.000 Euro im Jahr (vorher: 10.000 Euro).

Der Landesverband der Jüdischen Gemeinden erhält vom Land Hessen jährlich 4,25 Mio. Euro. Die zehn Mitgliedsgemeinden erhalten dann jährliche Zuweisungen vom Verband. Wie viel Kassel bekommt, teilte der Verband nicht mit.

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.