Über die Notwendigkeit von guten Rechtsmedizinen

Ex-Kripochef Kössinger im Interview: Kein Selbstmord mit drei Schüssen

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Fordert eine gut ausgestattete Rechtsmedizin: Falk Kössinger, Erster Kriminalhauptkommissar im Ruhestand, leitete 26 Jahre lang das K 11 in Kassel.

Kassel. Bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2000 leitete der Erste Kriminalhauptkommissar Falk Kössinger das Kommissariat 11, damals zuständig für Tötungs-, Raub- und Branddelikte. Unter Kössinger kam es zu einer engen Zusammenarbeit der Kasseler Kripo mit der Rechtsmedizin in Göttingen.

Über die Bedeutung von rechtsmedizinischen Instituten und den Stellenabbau in diesem Bereich sprachen wir mit dem Ermittler im Ruhestand.

Kürzlich haben Prof. Reinhard Dettmeyer, Leiter der Rechtsmedizin Gießen, und Prof. Klaus-Steffen Saternus, mit dem Sie lange zusammen gearbeitet haben, kritisiert, dass die Rechtsmedizin in Kassel unterbesetzt ist. Wie haben Sie darauf reagiert?

Das Thema

Kürzlich haben Prof. Reinhard Dettmeyer, Leiter der Rechtsmedizin Gießen, und Prof. Klaus-Steffen Saternus kritisiert, dass die Rechtsmedizin in Kassel unterbesetzt ist. Nach diesem Hilferuf hat sich der früherer Ermittler Falk Kössinger zu Wort gemeldet, der die Forderungen der Rechtsmediziner unterstützt.

Falk Kössinger: Ich war erstaunt, dass so renommierte Wissenschaftler mit einem Hilferuf an die Öffentlichkeit gehen müssen, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Sowohl die Justiz, die Rechtspflege als auch die Polizei benötigen eine gut funktionierende Rechtsmedizin. Zudem macht es mich fassungslos, dass es von Seiten der Justiz offenbar keine Resonanz auf diesen Hilferuf gibt.

Für Opfer und Tatverdächtige ist die Rechtsmedizin auch sehr wichtig.

Kössinger: Man verkennt oft, dass ein Rechtsmediziner nicht ein Sachverständiger für Polizei beziehungsweise Justiz ist, sondern eigentlich für Opfer und Beschuldigte. Ein unabhängiger Rechtsmediziner kann eine Spurenlage so deuten, dass ein Tatverdächtiger auch entlastet wird.

Haben Sie in Beispiel dafür?

Kössinger: Der Fall Kachelmann. Da wäre es vielleicht gar nicht soweit gekommen, wenn das vermeintliche Opfer zeitnah von einem Rechtsmediziner untersucht worden wäre.

Sie haben 26 Jahre lang das K 11 in Kassel geleitet. Standen Ihnen immer Rechtsmediziner zur Verfügung?

Kössinger: Als ich Mitte der 70er-Jahre angefangen habe, hatten wir das Problem, dass die Rechtsmedizin Marburg, die für uns zuständig war, personell schlecht ausgestattet war. Manchmal dauerte es Stunden oder gar Tage, bis ein Rechtsmediziner aus Marburg nach Kassel kommen konnte. Solange konnte ich nicht immer die Tatorte absperren. Auch die erforderlichen Ermittlungen mussten zeitnah erfolgen.

Es waren also nicht immer Rechtsmediziner am Tatort?

Kössinger: Das stimmt. Ich wäre froh gewesen, wenn das der Fall gewesen wäre. Was konnten sich doch zum Beispiel meine Kollegen von der Kripo Frankfurt glücklich schätzen, dass sie immer einen Rechtsmediziner vor Ort gehabt haben.

Hat sich das Fehlen eines Rechtsmediziners am Tatort auch praktisch ausgewirkt?

Kössinger: Ja. Zum Beispiel beim Mord an dem Kasseler Unternehmer Arno Hüge im Jahr 1995. Da hatte der Rechtsmediziner aus Marburg keine Zeit, an den Tatort zu kommen. Anhand einer Rekonstruktion kam er zu dem Ergebnis, Hüge habe sich mit drei Schüssen selbst getötet. Ich habe das nie geglaubt, bin immer von einem Mordfall ausgegangen. In Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft und Prof. Saternus aus Göttingen wurde der Leichnam Hüges Wochen nach der Beerdigung exhumiert. Saternus fand bei einer zweiten Obduktion anhand der Schusskanäle heraus, dass sich Hüge auf keinem Fall selbst umgebracht hat. Später wurden Hüges Exfrau, sein Schwiegersohn und drei Männer wegen des Mordes verurteilt.

Die Zusammenarbeit mit der Rechtsmedizin Göttingen haben Sie dann intensiviert.

Kössinger: Zum Glück. Nachdem die Rechtsmedizin in Marburg aufgelöst worden war, konnten wir mit Hilfe der Staatsanwaltschaft Kassel eine länderübergreifende Zusammenarbeit starten. Das Team um Saternus war damals in Göttingen so gut ausgestattet, dass wir einen Bereitschaftdienst rund um die Uhr hatten.

Die Rechtsmedizin in Göttingen hat ihnen auch erheblich bei Todesfällen von Säuglingen weitergeholfen.

Kössinger: Das Thema Plötzlicher Kindstod war in den 90er-Jahren ein Thema in ganz Deutschland. Für uns war es immer ein ganz trauriges Kapitel. Wir von der Kripo waren auch überfordert, jungen Eltern erklären zu müssen, warum ihr Baby gestorben war. Wir konnten das nicht, ebenso wenig wie die Ärzte. Saternus hat dann in Zusammenarbeit mit der Kripo Kassel eine Sektion bei jedem Fall gemacht, bei dem der Verdacht des Plötzlichen Kindstods bestand.

Was ist dabei herausgekommen?

Kössinger: Saternus hat herausgefunden, dass die Bauchlage von Säuglingen, die viele Jahre als Nonplusultra galt, eine Ursache des Plötzlichen Kindstodes war. Durch diese Erkenntnis sind die Fälle des Plötzlichen Kindstodes rapide zurückgegangen.

Die Institute unterstützen damit auch den medizinischen Fortschritt.

Kössinger: Ja. Eine Rechtsmedizin muss so gut ausgestattet sein, dass sie auch wissenschaftlich arbeiten kann.

Sie haben sicher wenig Verständnis dafür, dass die Mittel für rechtsmedizinische Institute bundesweit gekürzt worden sind.

Kössinger: Es stimmt mich besonders traurig, dass kaum noch Assistenzstellen vorhanden sind. Wo soll das nur hinführen? Eine Institution wie die Rechtsmedizin ist für ein faires Verfahren mindestens genauso wichtig wie ein gut besetztes Gericht und eine gut besetzte Staatsanwaltschaft. Alles andere geht auf Kosten der Gerechtigkeit. Hier sind die Verantwortlichen, insbesondere in der Politik gefordert, dies zu gewährleisten.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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