Keine Hilfe im Wahn

Wenn psychisch Kranke ihre Medikamente verweigern

Wahnvorstellungen können auch bei Depressionen auftreten. Die Selbstbestimmungsfähigkeit ist dann eingeschränkt. Doch lehnen betroffene Patienten, die amtlich betreut werden, eine Behandlung mit Medikamenten ab, fehlt jetzt oft die rechtliche Handhabe zur medizinischen Hilfe. Foto:  dpa

Kassel. Psychisch Kranke, die unter der Obhut eines gerichtlich bestellten Betreuers stehen, dürfen bis auf Weiteres nicht gegen ihren Willen medizinisch behandelt werden. Das hat konkrete Auswirkungen, wie das Beispiel eines Kasselers mit Wahnvorstellungen zeigt.

Der Spruch des Bundesgerichtshofs hat auch auf Patienten in unserer Region (in Deutschland sind rund 50 000 Patienten betroffen) ganz konkrete Auswirkungen. In einzelnen Fällen können psychisch kranke Menschen nun nicht mehr ausreichend behandelt werden.

So steht es derzeit auch um einen jungen Mann aus Kassel. Er leidet unter einen schweren psychischen Störung mit wahnhaften Symptomen, die er oft auch auf seine Nachbarn bezieht. Mitunter reagiert er deshalb aggressiv und zerstört regelmäßig das Mobiliar seiner Wohnung. Wenn es schlimm wird, ist er stark selbstmordgefährdet.

Kürzlich war sein Zustand wieder sehr ernst, weil er seine Medikamente nicht mehr genommen hatte. Sein Betreuer hatte beim Betreuungsgericht eine stationäre Unterbringung beantragt. Zu seinem eigenen Schutz kam er zwar in eine Klinik, doch konnte der junge Mann, der gerade in einer wahnhaften Phase steckt, dort nicht mit dringend nötigen Medikamenten behandelt werden, weil er dies aus mangelnder Einsicht ablehnte.

„Man weiß, es könnte ihm viel besser gehen, er könnte vielleicht sogar eine Arbeitsstelle finden, aber man verpasst die Chance, ihm zu helfen“, sagt Dr. Peter Reinhold-Hildenhagen, Leitender Arzt des Sozialpsychiatrischen Dienstes des Gesundheitsamtes Region Kassel.

Weil sie eine Behandlung mit Medikamenten ablehnt und den Ärzten die rechtliche Handhabe zur Behandlung fehlt, könnte eine alte Dame aus Kassel vielleicht sogar ihre Wohnung verlieren. Vor rund einem Jahr hatte die 70-Jährige beschlossen, ihre Medikamente zur Therapie einer paranoiden Psychose (eine schwere psychische Störung mit Wahnvorstellungen) abzusetzen. Seither sammelt sie vor allem Biomüll in ihrer Wohnung.

Die Nachbarn beschwerten sich, weil es bestialisch nach Verwesung stank und die Dame nachts lautstark ihren Müll sortierte. Weil die Patientin sich mit ihrem Verhalten selbst gefährdete, wurde sie in die Klinik eingewiesen. Die dringend benötigten Medikamente lehnt die Patientin ab. Demnächst muss sie ohne wesentliche Besserung aus dem Krankenhaus nach Hause entlassen werden. Die Probleme beginnen dann vermutlich von vorn, und es ist eine Frage der Zeit, bis der Krisendienst des Gesundheitsamtes wieder gerufen wird.

„Es müssten neue gesetzliche Grundlagen geschaffen werden, um in solchen Fällen helfen zu können“, sagt Gesundheitsamts-Chefin Dr. Karin Müller. Die meisten Patienten willigten aber in eine Behandlung ein.

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