Vor allem für Senioren problematisch

Personalmangel in Supermärkten: Keine Lieferung von Lebensmitteln mehr ins Haus

Sie hofft, dass sie weiterhin Lebensmittel geliefert bekommt: Die 89-jährige Marion Müller-Potschien kann ihre Wohnung nicht mehr verlassen.
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Sie hofft, dass sie weiterhin Lebensmittel geliefert bekommt: Die 89-jährige Marion Müller-Potschien kann ihre Wohnung nicht mehr verlassen.

Einige Lebensmittelmärkte in Kassel können keinen Lieferservice mehr anbieten, weil ihnen das Personal fehlt.

Kassel – Seit 20 Jahren bekommt Marion Müller-Potschien, die im Stadtteil Mitte lebt, ihre Lebensmitteleinkäufe vom Edeka-Markt in der Wittrockstraße in Wehlheiden nach Hause geliefert. Die Fahrer haben ihr die Einkäufe immer bis in die Wohnung gebracht. Zuvor hatte sie im Markt angerufen, ihre Bestellung durchgegeben, die dann von einer Mitarbeiterin zusammengestellt worden ist. Für das Einkaufen durch eine Mitarbeiterin wurden ihr 7,50 Euro berechnet und 7,50 Euro für die Lieferung.

Jetzt hat die 89-jährige Frau aus Kassel, die aus gesundheitlichen Gründen ihre Wohnung nicht mehr verlassen kann, erfahren, dass dieser Service unter Umständen eingestellt wird. Der Grund, der ihr genannt wurde: Der Fahrer, der die Ware jahrelang ausgefahren hat, hat gekündigt.

Kein Lieferservice mehr in Kassel: Personal ist knapp

Das bestätigt Alexander Sasin, Chef des Edeka-Marktes Sasin (früher Kroll). Sein Fahrer habe sich anders orientiert, sagt Sasin. Und es sei nicht einfach, einen adäquaten Ersatz zu finden. Die Leute, die für diesen Job in Betracht kämen, müssten sehr zuverlässig sein. Darüber hinaus sei das Personal ohnehin sehr knapp. Seit Corona habe sich die Lage verschärft. Die Fahrer hätten zum Teil nicht mehr in die Häuser der Kunden gehen wollen.

Er habe zwischen zehn und 14 ältere Kunden, die den Service bisher in Anspruch nehmen würden. Es liege ihm am Herzen, das Angebot weiter aufrechtzuerhalten, sagt Sasin. Deshalb wolle er auch Kontakt mit der Edeka-Zentrale in Melsungen aufnehmen. Vielleicht finde man gemeinsam noch eine Lösung. „Wenn das nicht gelingt, müssen wir den Service einstellen“, sagt Sasin.

Der Edeka-Markt Sebera in Rothenditmold hat den Lieferdienst bereits im Herbst vergangenen Jahres eingestellt, sagt Chefin Heidrun Sebera. Durch Corona sei die Nachfrage dermaßen angestiegen, dass man diese nicht mehr hätte bewältigen können. Zudem hätten die Fahrer Angst gehabt, in die Häuser der Kunden zu gehen. Ältere Kunden hätten mitunter auch erwartet, dass man die Ware nicht an der Tür abliefert, sondern diese in den Keller oder die Wohnung bringt, so Sebera. Dann habe mal ein Stück Butter gefehlt, was zur Folge gehabt hätte, dass die Fahrer noch mal hätten liefern müssen.

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Kassel: Supermarkt liefert nur noch an Stammkunden

Für sie sei diese Entscheidung aber sehr schwierig gewesen, weil es bei dem Service ja auch um Nächstenliebe gehe. Aber für zehn Euro in der Stunde finde man auch niemanden mehr, der diese Arbeit machen wolle. „Es ist ein generelles Problem.“

Das sieht Olga Prandzioch vom Edeka-Markt Prandzioch in Kirchditmold genauso. Der Markt an der Harleshäuser Straße liefert zwar noch an Stammkunden aus, nimmt aber keine neuen mehr an. „Das Angebot ist bei uns ausgereizt“, so Prandzioch. Es sei schwer, Männer zu finden, die die Einkäufe in die Wohnungen schleppen wollen.

„Schreiben Sie bloß nicht, dass wir einen Lieferdienst anbieten“, erklärt der Leiter eines Lebensmittelmarktes im Vorderen Westen. Auf der Internetseite bietet er diesen Service zwar an, könne die Nachfrage aber nicht bewältigen.

Kassel: Lieferung der Lebensmittel nur über Online-Bestellung

Im Internet werden verschiedene Lieferdienste angeboten, aber dort muss man online bestellen. Für Senioren ist das oft keine Alternative zum Anruf im Lebensmittelmarkt. Für die 89-jährige Marion Müller-Potschien ist diese Situation ein Politikum. Die Frau, die bis zu ihrer Pensionierung als Studiendirektorin Lehrer für Berufliche Schulen ausgebildet hat, vertritt die Ansicht, dass die Fahrer, die die schwere Arbeit leisten, besser bezahlt werden müssten. Und da sieht sie auch die Politik in Pflicht. Damit der Lieferdienst für die Lebensmittelmärkte und ihre Angestellten attraktiver werde, müsse es für solche Betriebe eine steuerliche Entlastung geben, sagt die Frau.

Schließlich sei sie ja auch nicht im Interesse des Staates, dass alle Senioren in ein Pflegeheim gehen. Dann müsse man sich aber gleichzeitig Gedanken darüber machen, wie die Menschen versorgt werden, die weiterhin zu Hause leben, aber ihre Wohnung nicht mehr verlassen können. Hinzu komme, so Müller-Potschien, dass die Lebensmittellieferanten für manche Senioren auch die einzigen Ansprechpartner gewesen seien. So habe dieser Service auch immer einen sozialen Aspekt gehabt, sagt die Pädagogin. (use)

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