Humanitäre Ambulanz in Kassel hat größeren Zulauf - vor allem von Schwangeren

Krank ohne Versicherung – wer zahlt?

In Kassel bieten die Fahrenden Ärzte eine Humanitäre Sprechstunde an. Sie richtet sich an Menschen ohne Krankenversicherung, bietet eine grundlegende Gesundheitsversorgung und sichert Anonymität.

Merima A. ist hochschwanger. Die Bosnierin, die mit einem Visum nach Deutschland gereist war, um den Vater ihres ungeborenen Kindes zu besuchen, ist nicht krankenversichert. Sie ist mittellos, spricht kein Deutsch. Und der Kindsvater hat sie vor die Tür gesetzt. Mit dem Bus zurück in die Heimat? In ihrem Zustand kaum möglich: Die Vorwehen werden heftiger. Merima A. wendet sich an die Humanitäre Ambulanz.

Seit Januar 2017 bietet der Verein Fahrende Ärzte um Dr. Gero Moog einmal wöchentlich eine sogenannte Humanitäre Sprechstunde an. Der Fall der jungen Bosnierin ist offenbar kein Einzelfall: „In den vergangenen Wochen ist die Zahl der schwangeren Frauen, die bei uns Hilfe suchen, angestiegen“, beobachtet Krankenschwester Dagmar Dobischat.

Das bestätigt auch Gastroenterologe Dr. Gero Moog. Während der Humanitären Sprechstunde kommen sowohl er als auch die ehrenamtlich engagierten Gynäkologinnen „immer wieder in die Situation, dass wir Patienten auch ohne Versicherung stationär einweisen müssen“. Knackpunkt sei die Kostenfrage: „Mehrfach sind wir hier vom Verein in Vorlage getreten“, sagt Moog. Im Fall von Merima A. erstaune besonders die hohe Summe, die das Klinikum Kassel offenbar für die Entbindung verlangt habe.

Im Klinikum, in das sich Merima A. unter Wehen hatte einliefern lassen, habe sie vorab 3500 Euro zahlen sollen, berichtet Oguzhan Bulut. Der Rechtsanwalt, der beim FC Bosporus kickt, war über seine Fußballfreunde auf die verzweifelte Frau aufmerksam geworden und hatte ihr unter die Arme gegriffen. Er hatte sich auch an die Humanitäre Sprechstunde gewendet. Deren Mitarbeiter hatten dann Kontakt mit dem Klinikum aufgenommen.

Inzwischen hat Merima A. im Klinikum eine Tochter zur Welt gebracht. Ohne Vorkasse. „Es wurde eine interne Lösung gefunden, sodass der Patientin die Leistung nicht in Rechnung gestellt wird“, sagt GNH-Pressesprecherin Gisa Stämm. Dass es sich bei den verlangten 3500 Euro um eine „ungerechtfertigt hohe Summe“ gehandelt habe – so die Kritik von Dr. Gero Moog – weist das Klinikum zurück. Die Kosten für Krankenhausleistungen seien bundesweit einheitlich festgelegt. Eine „normale“ Geburt, inklusive Betreuung des Säuglings, koste rund 2950 Euro, bei Komplikationen könne dieser Betrag auf 7000 Euro und mehr steigen, so Stämm. Da die nicht immer abzuschätzen seien, werde bei der Kalkulation ein Puffer eingerechnet. Zu viel gezahlte Behandlungskosten bekämen Patienten erstattet.

Im Fall von Merima A, wurde also eine Lösung gefunden. „Das grundsätzliche Problem aber bleibt – und es wird immer größer“, sagt Moog. Er regt an, dass Kassels Krankenhäuser nur die Materialkosten in Rechnung stellen. „Wir wünschen uns ein Entgegenkommen“, sagt auch Dagmar Dobischat: „Vertreter der Fahrenden Ärzte, des Klinikums, des Gesundheits- und Sozialamtes müssten alle an einen Tisch.“

Dafür signalisiert das Klinikum grundsätzlich grünes Licht: Mit Blick auf die „Nicht-Notfallpatienten ohne Versicherungsschutz“ sei man gern bereit, mit allen Beteiligten nach Lösungen für das „gesamtgesellschaftliche“ Problem zu suchen, sagt Stämm. Allerdings sei der finanzielle Spielraum zwangsläufig eng, weil Krankenhäuser gesetzlich verpflichtet seien, ihre Leistungen nach den bundeseinheitlichen Vorgaben abzurechnen. „Einen Selbstkostenpreis gibt es im Krankenhaus nicht.  

Rubriklistenbild: © Uli De ck/dpa

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.