Zunehmende Lichtverschmutzung bringt Mensch und Tier durcheinander

Keiner macht das Licht aus

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Lichtermeer: Nachts haben Betrachter vom Kraftwerk in der Dennhäuser Straße aus einen prächtigen Blick auf Kassel. Die Sterne sind durch die Helligkeit vom Boden aus allerdings kaum noch zu sehen.

Kassel. „Immer weniger Jugendliche haben schon einmal einen richtigen Sternenhimmel gesehen“, sagt Klaus-Peter Haupt, Vorsitzender des Arbeitskreises Astronomie in Kassel.

Denn in großen Städten bleibt es nachts so hell, dass Lichter am Himmel kaum zu sehen sind.

Die professionelle Astronomie könne deshalb seit Jahrzehnten nicht mehr in besiedelten Räumen arbeiten. Doch auch für Tiere habe das Aufweichen des Tag-Nacht-Zyklus folgen, klagen Naturschützer.

Lichtverschmutzung heißt dieses Phänomen. Dabei geht es nicht um die Verschmutzung der Umwelt durch das Licht, sondern um die Verschmutzung des natürlichen Lichts durch künstliches.

Ende der 90er-Jahre habe man darüber diskutiert, sagt Jann Hellmuth, BUND-Kreisvorstand. Dann wurde es still um das Thema. Doch mit der Einführung energiesparender Lampen gewinnt das Problem neue Aktualität.

Denn Unternehmen lassen nun Firmensitze prunkvoll anstrahlen, Diskos werben mit starken Strahlern am Nachthimmel um Gäste. „Das ist ein ärgerliches Luxusproblem“, sagt Hellmuth. Eine Folge der Lichtverschmutzung ist jeden Sommer in der Innenstadt zu beobachten: An großen Schaufenstern tummeln sich Eintags- und Steinfliegen, die das Licht von der Fulda weglockt. Auch nachtaktive Vögel und Zugvögel verwirre das Licht.

Kritiker wie Dark Sky, eine Initiative gegen Lichtverschmutzung, argumentieren sogar, dass das dauernde Licht Menschen krank mache. „Das ist ein interessanter Ansatz“, sagt der Kasseler Schlafmediziner Professor Dr. Martin Konermann. Tatsächlich könne die Gleichmäßigkeit, also das Aufweichen des Tag-Nacht-Zyklus, zu Schlafstörungen führen. Unter dem Strich litten die Menschen vor 200 Jahren aber nicht seltener daran als heutzutage.

In Kassel bewegt sich beim Thema Lichtverschmutzung ein bisschen was: Die Stadt hat in den 80er-Jahren die Helligkeit der 22 000 Straßenbeleuchtungen von 120 auf 80 Watt reduziert. Zudem wurden bis heute fünfzig Prozent der alten Quecksilber- durch Natriumdampflampen ersetzt. Dieses Licht ist weniger attraktiv für Insekten. Noch besser in dieser Hinsicht sind LED-Lampen, die mit einer Leistung von bis zu zehn Watt noch weniger Strom brauchen. Die Beleuchtung an der neuen Hafenbrücke soll den Anfang machen.

Insgesamt gibt es laut Tiefbauamt bei der Beleuchtung ein Umdenken: Statt Straßen wolle man heute hauptsächlich Gehwege beleuchten. Nach der gültigen DIN-Norm für Anliegerstraßen müssten drei Lux, das entspricht dem Licht dreier Kerzen, auf die Straße treffen. In Kassel liege man allerdings oft darunter.

Von Göran Gehlen

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