Senior-Experten sind enttäuscht

Trotz Hilfe von Wirtschaftslenkern: Keiner will jungen Afghanen einstellen

Versuchen zu helfen: Die SES Senior Experten Detlev Friderici (links) und Günter Kühn. Ihr Schützling will unerkannt bleiben. Er hat bislang trotz guter Noten und Deutschkenntnisse keine Lehrstelle gefunden. Foto: Koch

Kassel. Obwohl zwei gut vernetzte Wirtschaftlenker sich für ihn eingesetzt haben, bekommt Ahmed S. keine Lehrstelle. Er ist ein junger Flüchtling aus Afghanistan.

Die einstigen Wirtschaftslenker Detlev Friderici und Günter Kuhn vom SES sind überrascht, dass es trotz ihrer Bemühungen nicht gelungen ist ihm eine Ausbildung zu beschaffen.

Erst am Donnerstag kam erneut eine Absage: von einem großen Handwerksbetrieb, der laut Friderici angab, dass man nur Bewerber nehme, die akzentfrei Deutsch sprächen. „Das ist sogar für mich ein neuer Ablehnungsgrund, der sich in eine lange Reihe fadenscheiniger Begründungen einreiht.“

Der Vertriebsexperte hatte zunächst geglaubt, die Lehrstellensuche würde angesichts der guten Noten und hervorragenden Deutschkenntnisse des Kandidaten zu einem „Selbstläufer“. Weit gefehlt: Nach langem Klinkenputzen ist der Erfolg gleich null. „In manchen Fällen gab es nicht einmal eine Reaktion auf die Bewerbung“, ärgert sich Friderici. Offen gesagt habe es zwar noch keiner. „Aber zwischen den Zeilen liest man sehr häufig, dass die Herkunft eine Einstellung verhindert. Ich glaube, dass mein Schützling längst eine Stelle hätte, wenn er Thorsten Maier hieße.“ Der frühere Manager will sich gar nicht ausmalen, wie es bei einem Eritreer wird, den er demnächst in Obhut nimmt. Aber hinwerfen ist nicht sein Ding. „Ich höre nicht auf“, verspricht er. Für Kuhn ist das Ganze nicht nachvollziehbar: „Wir klagen über freie Lehrstellen, und unser Schützling findet nichts. Das ist doch ein riesiger Widerspruch.“

Auch die Agentur für Arbeit in Kassel kennt die Vorbehalte vieler Arbeitgeber. Der Chef der Arbeitsvermittlung und Arbeitgeber-Services, Michael Reimer, appelliert an die Betriebe, „Migranten eine Chance zu geben“ und spricht sich für ein anonymisiertes Bewerbungsverfahren aus, bei dem Herkunft und Geschlecht der Kandidaten zunächst verborgen bleiben. Das Ergebnis eines Pilotprojekts von 2010/11 in fünf deutschen Konzernen sowie bei drei öffentlichen Arbeitgebern hat gezeigt, dass die Chancen von Migranten – und übrigens auch von Frauen – auf ein Bewerbungsgespräch deutlich steigen.

Handwerkspräsident Heinrich Gringel, der erst unlängst zwei neue Servicestellen zur gezielten Suche nach Migranten und passgenauen Besetzung von freien Lehrstellen in der Kammer installiert hat, sicherte zu, dass die Kammern alles versuchen werde, Ahmed zu vermitteln. Gleichwohl weiß Gringel um die Überzeugungsarbeit, die die Kammer in dieser Frage noch leisten muss. „Da müssen wir ein dickes Brett bohren.“

Unterdessen hofft Ahmed weiter auf eine Lehrstelle im Sommer. Er ist nicht wählerisch. Sein Traumjob ist Hörgeräte-Akustiker, aber auch Industriemechaniker, Elektroniker oder Lackierer lägen ihm. „Hauptsache, es ist ein technischer Beruf“, sagt der sympathische junge Mann. Er träumt von einer guten Arbeit und einem selbstbestimmten Leben und davon, seine im Iran lebende Mutter nachkommen zu lassen. „Dann wäre ich richtig glücklich“, sagt er.

Handwerks- sowie Industrie- und Handelskammer haben spezielle Berater für diese Fälle eingestellt: Nergis Yilmaz und Mahmut Eryilmaz. Sie sind unter 0173-32 88 948 und 0173-32 88 947 sowie nergis.yilmaz@hwk-kassel.de und mahmut.eryilmaz@hwk-kassel.de zu erreichen. Auch die Arbeitsagentur hilft: 0800/4 5555 0.

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