Handwerk zwischen Himmel und Erde

Dachdeckerfirma H. Rudolph feiert ihr 125-jähriges Bestehen

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Hängepartie in über 70 Metern Höhe: An einem Turm der Martinskirche arbeitete im Jahr 1937 Schieferdecker Johannes Sonnenschein. Der Mitarbeiter der Dachdeckerfirma H. Rudolph war damals bereits 62 Jahre alt.

Kassel. In der Kasseler Innenstadt gibt es kaum einen Häuserblock, dem die Handwerker der Firma H. Rudolph nicht irgendwann schon mal aufs Dach gestiegen sind. Das Traditionsunternehmen mit Sitz am Schwanenweg in der Unterneustadt begeht sein 125-jähriges Bestehen.

Nicht erst seit dem Wiederaufbau der kriegszerstörten Stadt gestalten Rudolph-Dachdecker die Kasseler Dächerlandschaft. Sie haben bereits das alte, untergegangene Kassel aus der Vogelperspektive kennengelernt.

„Zwischen Himmel und Erde“ war 1937 eine Reportage in der Kasseler Post überschrieben. Der Berichterstatter staunte damals über den Mut und die Schwindelfreiheit eines Rudolph-Schieferdeckers, der in einem frei hängenden Geschirr sitzend in über 70 Metern Höhe an den neugotischen Türmen der Martinskirche arbeitete. Im Wappen der Firma haben die Türme, die bis zur Zerstörung 1943 ein städtisches Erkennungszeichen waren, überdauert. Andere Rudolph-Werke aus dieser Zeit erfüllen heute noch ihren baulichen Zweck – etwa die Schieferdeckung des Wilhelmshöher Freibadgebäudes aus dem Jahr 1935. „Schiefer geht praktisch nie kaputt“, sagt Seniorchef Claus Rudolph: „Da rosten höchstens mal Klammern und Nägel.“

Rudolph (69) führt das 20-Mitarbeiter-Unternehmen, das pro Jahr etwa 1,7 Mio. Euro Umsatz macht, seit 1969 und verlegte es wenig später von der Humboldtstraße an den heutigen Standort nahe dem großen Kreisel. Parallel zur Vergrößerung der Hallen und Büros dort gewann die Stimme der Kasseler Firma innerhalb ihrer Handwerksorganisation an Bedeutung: In den 1990er-Jahren war Claus Rudolph zeitweise Landesinnungsmeister und gehörte dem Hauptvorstand im Zentralverband des Deutschen Dachdeckerhandwerks an.

1999 ist sein Sohn Heiko Rudolph mit in die Geschäftsführung eingetreten. Der 43-Jährige musste für die Meisterprüfung und seine Bundesfachschul-Ausbildung ein Vielfaches dessen büffeln, was die vorangegangenen drei Familiengenerationen an solidem Handwerks-Fachwissen mitbringen mussten. Längst arbeiten Dachdecker nicht mehr nur auf dem Dach, erläutert Heiko Rudolph: „Wir machen zum Beispiel auch Abdichtungen in Kellern, Schwimmbädern und Tiefgaragen.“ Auch für neuzeitliche Öko-Themen wie Gründächer und Solaranlagen müssten Dachdecker heute fit sein – und zugleich ebenso die hergebrachten Handwerkstechniken beherrschen, wenn sie historischen Baudenkmälern aufs Dach steigen.

Standfest, sportlich fit und schwindelfrei müsse ein Dachdecker sein, sagt Rudolph. Besonders in der kalten Jahreszeit, wenn es hoch oben rutschig wird, sei Trittsicherheit gefordert. Bei Rudolph, und darauf ist die Firma stolz, ist die gesamte Belegschaft rund ums Jahr beschäftigt – auch wenn strenge Wintertage es mal absolut unmöglich machen, Kassel von oben zu betrachten.

Von Axel Schwarz

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