Der Mann vom Müllauto

Den kennt man doch: Wolfgang Wagner ist das Gesicht der Kasseler Stadtreiniger

+
Kennt Kassel wie kein zweiter: Wolfgang Wagner arbeitet seit fast 30 Jahren bei den Stadtreinigern. Sein Gesicht ist auch auf vielen Fahrzeugen zu sehen.

Kassel. Wir begegnen ihnen an der Supermarktkasse oder im Café. Sie bringen die Post und verkaufen uns am Kiosk Zeitungen: Wir stellen sie in einer Serie vor. Heute Wolfgang Wagner, Mitarbeiter der Stadtreiniger.

Manchmal fährt Wolfgang Wagner selbst an sich vorbei. Dann stutzt er kurz und muss lachen.  „Besonders lustig ist es auch, wenn ich aus einem Müllfahrzeug steige, auf dem ich selbst abgebildet bin“, sagt Wolfgang Wagner. Dann sind die Leute auf der Straße immer völlig verwirrt. Aber die meisten kennen den 61-Jährigen nicht nur, weil er auf vielen Fahrzeugen und Plakaten der Stadtreiniger abgebildet ist, sondern weil sie bei ihm schon mal alte Möbel, Laub oder Elektroschrott abgegeben oder ihn als Müllfahrer im Stadtgebiet getroffen haben.

Wagner arbeitet seit drei Jahren auf dem Recyclinghof in Niederzwehren. Davor war er gut 25 Jahre bei der Müllabfuhr. „Fast 13 Jahre bin ich immer hinter den Sperrmüllfahrern hergefahren und habe den Elektroschrott eingesammelt“, sagt er.

Auf die Frage, ob das nicht einsam gewesen sei, immer alleine im Auto unterwegs zu sein, schüttelt Wagner entschieden den Kopf. So gerne er auch mit meinen Kollegen zusammen arbeite, manchmal sei es auch schön gewesen, mal für ein paar Stunden sein eigener Chef zu sein. Kassel kennt er seit dieser Zeit wie kaum ein anderer. Es gibt keine Straße, in der er noch nicht war: „Man kennt jeden Mülleimer persönlich.“

„Wolle“, wie er von seinen Kollegen liebevoll genannt wird, sieht mit seinem grauen Bart tatsächlich ein bisschen aus wie der Nikolaus. „Ab Oktober lasse ich ihn wieder wachsen“, sagt Wagner und lacht. „Damit es auch echt aussieht, wenn die Kinder an Nikolaus zum Recyclinghof kommen.“ Denn auch diese Rolle hat er seit mehreren Jahren inne – „Plakatgesicht, Nikolaus, irgendwie ist das einiges zusammengekommen“, sagt der gebürtige Bettenhäuser.

Erlebt hat Wagner schon so einiges in seiner täglichen Arbeit: Dabei waren sowohl lustige Momente, aber auch sehr traurige. Oft kommen Menschen, die den Hausstand von nahen Angehörigen auflösen müssen. „Da fällt es dann richtig schwer, die Sachen hier einfach in den Container zu werfen“, erzählt Wagner. Einige stehen dann weinend hier auf dem Hof. In solchen Momenten wird Wagner dann zum Seelsorger. „Helfen kann ich ihnen nicht, aber zuhören und trösten“, sagt er.

Viele Kunden kommen aber auch regelmäßig zum Recyclinghof – und das nicht, weil sie große Mengen zu entsorgen haben. Die Tüte mit Strauchschnitt ist dann eher ein Vorwand. „Oft habe ich das Gefühl, dass einige gerne zu einem Plausch vorbeikommen“, sagt Wagner, da sei dann auch immer schön.

Besonders viel los ist am Samstag auf dem Recyclinghof: „Da geht hier der Punk ab“, sagt Wagner. Manchmal wünsche man sich da ein bisschen mehr Verständnis von den Kunden, sagt Wagner. Man versuche, dass jeder so schnell wie möglich an die Reihe komme.

Einmal sei eine Frau gekommen, die habe eine vierteilige Matratze im Kofferraum gehabt. Sie habe dann alle vier Teile, bevor sie sie weggeworfen hat, neben den Container gelegt und anschließend ein Foto gemacht. Auf die Frage, was sie da mache, habe die junge Frau geantwortet: Diese Matratzen hätten ihre Eltern gekauft und darauf sei sie gezeugt worden. Sie habe ein Erinnerungsbild haben wollen.

„Das sind so Momente, an die man immer zurückdenken muss“, sagt Wagner. Das mache seinen Job auch jeden Tag aufs Neue reizvoll – man weiß nie, was kommt.

In einem weiteren Teil der Serie haben wir Andrea Ebel vorgestellt. Sie arbeitet seit 35 Jahren im Café Nenninger. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.