Informationen für Pädagogen über Umgang mit Familien von suchtkranken Eltern

Kinder leiden und schweigen

Überfordert: Kinder können oft nicht begreifen, wenn sie psychische Erkrankungen oder auch Alkoholismus bei ihren Eltern hautnah miterleben. Über das Problem, das viele für das ganze Leben prägt, informierte der Bundesverband der Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe auf einer Tagung. Foto: dpa

KASSEL. „Irgendetwas stimmt nicht, aber niemand erklärt mir, was los ist.“ So beschreibt Melanie Gorspott, was sie als größte Belastung in ihrer Kindheit und Jugend empfunden hat. Ihr Vater litt unter Depressionen, nahm sich das Leben, als sie zwölf Jahre alt war. So wie sie empfinden viele Kinder, deren Eltern sucht- oder psychisch krank sind. Gorspott leitet heute die Beratungsstelle Auryn für Kinder psychisch kranker Eltern in Leipzig.

Die Auswirkungen von sucht- und psychischer Krankheit von Eltern auf die Kinder standen jetzt im Fokus eines Fachtags im Haus der Kirche in Kirche in Kassel, der vom Bundesverband der Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe e. V. veranstaltet wurde. Rund 100 Teilnehmer – insbesondere Lehrkräfte aus Grundschulen sowie Horterzieherinnen – nutzten das Angebot, sich in Vorträgen und Arbeitsgruppen mit dem Thema zu befassen.

Sucht- und psychische Erkrankungen sind bis heute ein Tabuthema. Für alle Beteiligten ist es schwer, sich die Erkrankung einzugestehen. Vor allem Kinder sind oft zum Schweigen verurteilt. „Kinder lieben ihre Eltern und wollen die Familie schützen“, sagte Christiane Spranger-Paul vom Emstaler Verein, einer sozialpädagogischen Familienhilfe für Kinder psychisch kranker Eltern. Der Hilfe „von außen“ komme daher eine zentrale Bedeutung zu.

Um das Thema anzusprechen, sei die Schule ein guter Ansatzpunkt. Doch welche Anzeichen deuten bei Kindern auf eine mögliche sucht- oder psychische Erkrankung der Eltern hin? „Die Kinder wirken häufig erwachsener, weil sie innerhalb der Familie schon früh viel Verantwortung übernehmen“, sagt Melanie Gorspott. Oft hätten sie wenig Kontakt zu Gleichaltrigen, wirkten müde und traurig. Auch plötzliche Leistungsabfälle und gehäufte Fehlzeiten könnten Hinweise sein. Außerdem sei die persönliche Kontaktaufnahme zu den Eltern oft schwierig.

Für einen offenen Umgang mit dem Thema plädiert auch Klaus Limpert vom Freundeskreis für Suchtkrankenhilfe Kassel. 25 Jahre lang hatte der 48-jährige Vater von zwei Töchtern getrunken. Als ihn sein Schwager offen darauf ansprach, holte er sich professionelle Hilfe und schaffte beim ersten Versuch den Ausstieg. Er wünscht sich, dass die Thematik allgemein in Schulen und Kindergärten einen breiteren Raum einnimmt. Eine solche indirekte Aufklärung hält auch Melanie Gorspott für sinnvoll. „Das hilft den Kindern zu erkennen, dass es vielen so geht und sie nicht allein sind“, sagt sie.

Brigitte Sander-Unland, stellvertretende Bundesvorsitzende der Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe, fordert: „Es muss in der Öffentlichkeit ein Klima entstehen, das es erlaubt, das Problem Sucht in der Familie anzusprechen.“

Hilfsangebote für sucht- und psychisch kranke Eltern und ihre Kinder stehen auf Broschüren, die bei Ansprechpartnern von Stadt und Landkreis Kassel angefordert werden können. Kontakt: sylvia.potthoff@ stadt-kassel.de und udo-reining@landkreiskassel.de

Von Mirko Konrad

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