Praxen suchen händeringend Nachfolger

Kinderärzte in Kassel werden knapp

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Fachleute für die hausärztliche Versorgung von Kindern und Jugendlichen: Junge Pädiater fürchten heute jedoch oft das wirtschaftliche Risiko einer eigenen Kinderarzt-Praxis.

Kassel. Kinderärzte in Hessen fürchten, dass die ambulante medizinische Versorgung von Kindern in ländlichen Gebieten, aber auch in sozial schwächeren Stadtbezirken nicht aufrecht erhalten werden kann.

Beispiele für einen Ärztemangel in diesem Bereich gibt es auch in unserer Region, bestätigt die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen.

In Kaufungen und Fürstenhagen beispielsweise suchten Kinderärzte jahrelang vergeblich einen Nachfolger. Die Arztsitze gingen nach Wolfhagen und Eschwege. Viele betroffene Eltern weichen deshalb nach Lohfelden oder in den Kasseler Osten aus, sagt Alfons Fleer, der eine Praxis in Bettenhausen hat und Vorstandsmitglied des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte ist.

Behandele er aber Kinder aus anderen Zulassungsbezirken, gebe es Schwierigkeiten mit der Honorarabrechnung. Und da auch sein Budget durch Vorgaben beschränkt ist, habe er in den vergangenen Jahren jeweils mehrere Tausend Euro für zu viel erfolgte Behandlungen zurückzahlen müssen.

Zudem seien Kinder- und Jugendärzte immer wieder von Regressen betroffen, weil für ihre jungen Patienten zum Teil teure Medikamente und Behandlungen nötig seien, sagt auch KV-Sprecher Karl Matthias Roth.

Assistent gesucht

Wer mehrheitlich gesetzlich versicherte Patienten und nur wenige Privatpatienten versorge, komme kaum noch auf seine Kosten, sagt Fleer. Deshalb werde es auch in Städten wie Kassel zunehmend schwer, in weniger wohlsituierten Stadtteilen einen Praxisnachfolger zu finden. Ein solches Beispiel sei ihm derzeit auch aus Kassel bekannt. Er selbst suche bislang vergeblich nach einem Assistenten, der seine Vertretung übernimmt.

Alfons Fleer

Fleer: „Die ambulante Versorgung von Kindern und Jugendlichen wird absehbar infrage gestellt.“ Die Aussicht auf eine empfindliche Honorareinbuße werde die Situation noch verschärfen, fürchten Fleer und seine Kollegen. Das derzeitige Angebot der gesetzlichen Krankenkassen von einer Honorarerhöhung von 0,9 Prozent für 2013 sei praktisch eine Kürzung um 0,7 Prozent, da für hessische Ärzte seit Längerem die Anpassung an die Kostensteigerung ausgesetzt sei.

Die jungen Kollegen fürchteten das wirtschaftliche Risiko, wenn sie sich mit einer Praxis selbstständig machen, sagt Fleer. So strebten viele ein Angestelltenverhältnis an. Niedergelassene Ärzte müssten ihre Arbeit zwar selbst finanzieren, wer Nachfolger wird, könnten sie aber nicht selbst bestimmen. So war im vergangenen Jahr beispielsweise die Übergabe einer Augenarztpraxis in Harleshausen an der Zulassungsverordnung gescheitert.

Beispiele von Kinderarztpraxen, die vergeblich nach einem Nachfolger suchen, gibt es bereits auch in Dillenburg, Wetzlar, Wiesbaden und Gießen.

Von Martina Heise-Thonicke

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