Uni Kassel und Internationaler Suchdienst geben Unterrichtsmaterial zu NS-Opfern heraus

Einer von Abertausenden: Der jüdisch-polnische Junge Salek Benedikt (kleines Bild) wurde 1944 von seiner Familie getrennt und in verschiedene Konzentrationslager gebracht. Das Foto entstand 1945 im Kinderzentrum Indersdorf. Salek Benedikts Akte ist eine von etwa 16 000 im Kinderarchiv des Internationalen Suchdienstes Bad Arolsen (großes Bild). Foto: ITS / Porträtfotos: Rudolph

Kassel/Bad Arolsen. Salek Benedikt. Jankiel Klaimann. Sofia und Janusz Karpuk. Nur vier von zigtausend Kindern, die unter den Nazis gelitten und ihre Familien verloren haben.

Allein 16.000 Akten solcher Schicksale werden im Kinderarchiv des Internationalen Suchdienstes (ITS) in Bad Arolsen aufbewahrt. Mithilfe von Erziehungswissenschaftlern der Universität Kassel sind die Biografien von jungen Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgung jetzt für den Schulunterricht aufgearbeitet worden.

Die Unterrichtsmaterialien sind für Neunt- und Zehntklässler gedacht und können ab sofort auf der Internetseite des ITS kostenlos heruntergeladen werden.

Die Einzelschicksale von Kindern könnten Schülern von heute einen besonderen Zugang zum Thema verschaffen, sagte Dr. Susanne Urban, Leiterin der Forschung beim ITS, bei der Vorstellung des Projekts an der Uni Kassel. An den Biografien aus dem Archiv werde deutlich, was Kinder und Jugendliche während des Nationalsozialismus durchmachen mussten.

Ziel der Unterrichtsmaterialien sei, die Erinnerung an die nachkommenden Generationen weiterzugeben, auch damit diese Verantwortung übernehmen könnten, sagte Dozent Dr. Andreas Neuwöhner vom Institut für Erziehungswissenschaften, unter dessen Leitung fünf Studierende innerhalb eines zweisemestrigen Lehrforschungsprojekts die Unterrichtseinheiten entwickelt haben. Neuwöhner hat früher als Lehrer am Gymnasium in Bad Arolsen gearbeitet und wusste daher um die Arbeit und die Aktenschätze des ITS.

Aber nicht nur die Schulen, in denen das Unterrichtsmaterial zum Einsatz kommt, profitierten von dem Projekt, betont Prof. Edith Glaser, Dekanin des Fachbereichs Humanwissenschaften. Auch die Studierenden hätten viel an der ebenso fachhistorisch wie pädagogisch ausgerichteten Arbeit gelernt, an deren Ende nicht nur ein tolles Produkt stehe.

Anhand von acht Einheiten, in der Pädagogik spricht man von Stationenlernen, können die Schüler an den Geschichten von betroffenen Kindern und Jugendlichen beispielhaft die Auswirkungen der NS-Diktatur erfahren. Der Holocaust, die Rassenideologie der Nazis, Zwangsarbeit, Deportation und die Hilfe der Vereinten Nationen für die Opfer – all diese Themen werden auf der Grundlage der Dokumente des Kindersuchdienstes aufgegriffen.

Die Schüler können mit den Materialien, die von den Kasseler Studierenden entwickelt wurden, die einzelnen Stationen weitgehend selbstständig erarbeiten. Für die Lehrer gibt es zusätzliches einordnendes Begleitmaterial, auch zum pädagogischen Konzept. In einer 10. Realschulklasse in Thüringen hat eine der teilnehmenden Studentinnen die Unterrichtseinheiten schon getestet. Den Schülern habe vor allem die andere Herangehensweise an das Thema gefallen, berichtet Kristin Hunger (25). „Die persönlichen Schilderungen der Kinder haben die Schüler sehr beeindruckt und berührt.“

Die Unterrichtsmaterialien können unter www.its-arolsen.org kostenlos heruntergeladen werden (Klick auf: Forschung und Bildung, Bildung, Unterrichtsmaterialien).

Von Katja Rudolph

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