Richtiger Umgang mit dem Nachwuchs

Kindertherapeut über auffällige Kinder: „Eltern müssen Grenzen setzen“

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Rainer Hilbert

Kassel. Vor Kurzem berichteten wir über zunehmende Probleme in Kasseler Kindertagesstätten mit verhaltensauffälligen Kindern. Über Ursachen für aggressives Verhalten und den richtigen Umgang der Eltern damit sprachen wir mit Kinder- und Jugendpsychotherapeut Rainer Hilbert.

Wo verläuft die Grenze zwischen alterstypischen Auseinandersetzungen und auffälligen Aggressionen?

Rainer Hilbert: Kinder müssen soziales Verhalten erst lernen, da hauen sie anfangs, wenn ihnen etwas weggenommen wird. Außerdem entwickeln sich Kinder unterschiedlich schnell, das betrifft nicht nur die Sprache oder Bewegung, auch die emotionalen und sozialen Bereiche.

Aber was können denn Anhaltspunkte dafür sein, dass sich Eltern Hilfe von außen holen sollten?

Hilbert: Zunächst sollten Eltern genau beobachten, in welchen Situationen sich ihr Kind aggressiv verhält. Wenn es sich in verschiedenen Situationen und an verschiedenen Orten, also auf dem Spielplatz, in der Kita etc., aggressiv verhält, dann sollten sich Eltern Hilfe von außen holen. Dies ist nicht notwendig, wenn Konflikte immer mit einem bestimmten Kind auftauchen.

Zur Person

Rainer Hilbert (58) leitet die Frühförderung und Fortbildung beim Kasseler Familienberatungszentrum. Der Kinder- und Jugendpsychotherapeut ist verheiratet und hat ein Kind.

Wie gehen Eltern damit um, wenn sie erfahren, dass ihr Kind durch Gewalt in der Kita oder Grundschule auffällt?

Hilbert: Die normale Reaktion ist ein großer Schreck und eine Verteidigungshaltung. Zunächst wird auf Abwehr geschaltet und die Schuld bei anderen gesucht – das ist aber ganz natürlich. Anschließend sollten die Eltern dennoch versuchen, die Ruhe zu bewahren und die Situation zu verstehen. Es ist wichtig, dass sie sich etwa von den Erziehern die Situationen, in denen ihre Kinder sich aggressiv verhalten haben, genau schildern lassen. So können sie helfen, Ursachen aufzudecken.

Was können Ursachen sein?

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Hilbert: Eine Ursache ist sicher die Verunsicherung vieler Eltern. Sie wissen nicht mehr, wann sie durchgreifen sollten und wann nicht. Dies hat mit dem Wandel der Erziehungsvorstellungen in den vergangenen Jahrzehnten zu tun. Früher galten zwar Disziplin, Gehorsam und Anpassung, aber die Kinder hatten auch mehr Freiräume. Sie durften alleine zur Schule gehen und auf der Straße spielen. Heute sind die Freiräume aufgrund der Ängste vieler Eltern geringer geworden. Heute sollen die Kinder selbstständig werden, da bekommen Kinder heute wesentlich mehr Entscheidungsmöglichkeiten.

Und das ist ein Problem?

Hilbert: Kinder werden durch zu viele Entscheidungsmöglichkeiten nicht selbstständiger, sondern sie sind überfordert. Mancher Fünfjähriger wird heute gefragt, wohin es in den Urlaub gehen soll. Eltern müssen solche Dinge entscheiden. Sie sagen, wann ihr Kind Fernsehen schauen darf und welche Sendungen. Und sie entscheiden, ob und wann das Kind ein Handy erhält. Andernfalls bekommen Kinder das Gefühl, dass sie die Macht haben. Was sie stattdessen brauchen, ist Orientierung durch die Eltern.

Und an der mangelt es?

Hilbert: Früher waren Eltern viel konsequenter. Konsequenz heißt aber nicht Gewalt, sondern dass die Kinder wissen, was sie dürfen und was nicht. Sie brauchen einen Rahmen oder Grenzen – dafür müssen Eltern sorgen. Besonders Rituale, wie etwa beim Essen oder Ins-Bett-Bringen, schaffen diesen Rahmen. Am besten, Eltern überlegen vorher, welche Konsequenzen bei Nichteinhaltung erfolgen.

Was ist denn mit den Kindern, die Opfer von aggressiven Kindern werden?

Hilbert: Die werden oft außer Acht gelassen, weil die Aufmerksamkeit auf den Kindern liegt, die auffällig sind. Da verliert man die Opfer leicht aus dem Blick. Eltern sollten deshalb Verhaltensänderungen ihrer Kinder beobachten. Manchmal äußert sich das in Bauchschmerzen, oder Kinder wollen nicht mehr in die Kita gehen. Dann sollten Eltern Erzieher ansprechen und darum bitten, ihr Kind im Auge zu haben.

Das Interview führte Bastian Ludwig

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