"Wir helfen bei Sterilität"

Kinderwunschzentrum: Einfrieren von Eizellen ohne medizinischen Grund kritisch

Schockgefrostet in flüssigem Stickstoff: Biologin Dr. Ilka Pfurr vom Kasseler Kinderwunschzentrum demonstriert das Einfrieren von Eizellen. Dahinter steht Dr. Oswald Schmidt. Fotos: Koch

Kassel. Seit bekannt wurde, dass Apple und Facebook in den USA ihren Mitarbeiterinnen das Einfrieren von Eizellen bezahlen, damit sie ihren Kinderwunsch aufschieben und ungehindert Karriere machen können, ist "Social Freezing" in aller Munde. Wir fragten beim Kasseler Kinderwunschzentrum nach, ob Social Freezing auch in der Region ein Thema ist.

Eizellen einfrieren gehört im Medizinischen Zentrum für Reproduktionsmedizin (Kinderwunschzentrum) im Kasseler Klinikum zum Alltagsgeschäft. Vor allem Krebspatientinnen lassen vor einer Chemo- oder Strahlentherapie häufig Zellmaterial einfrieren, weil die Behandlung zur Unfruchtbarkeit führen kann. Durch das vorsorgliche Einfrieren gibt es nach der Genesung für die Patientinnen eine Chance, trotzdem Kinder zu bekommen.

Dieses Einfrieren von Eizellen aus medizinischen Gründen komme etwa einmal in der Woche vor, sagt Dr. Oswald Schmidt, Reproduktionsmediziner am Kinderwunschzentrum. Dass Frauen ihre Eizellen ohne medizinischen Grund einfrieren lassen wollen, um erst mal Karriere zu machen und im höheren Alter noch schwanger werden zu können, sei hingegen die Ausnahme. Dieses wird mit dem Begriff „Social Freezing“ beschrieben.

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Auch wenn es bisher Einzelfälle seien, steige die Nachfrage nach dieser vorsorglichen Methode zur Fruchtbarkeitserhaltung aus nichtmedizinischen Gründen, sagt Schmidt. Gab es vor zwei Jahren nur eine Handvoll Anfragen, führten die Ärzte des Kinderwunschzentrums im vergangenen Jahr bereits zehn Beratungsgespräche wegen Social Freezing. Dieses Jahr habe man schon 15 Interessentinnen beraten.

„Social Freezing ist kontraproduktiv.“ 

Fast alle Frauen, die das Einfrieren ihrer Eizellen in Betracht zogen, seien alleinstehend gewesen, berichtet der Mediziner. Die meisten hätten Angst gehabt, im fruchtbaren Alter keinen Partner mehr zu finden. Aber auch die Karriereplanung hätten einige Frauen - übrigens ausschließlich Akademikerinnen - als Grund genannt. Tatsächlich vorgenommen wurde Social Freezing allerdings erst sechsmal, erstmals 2012. „Das liegt auch daran, dass wir konservativ beraten“, sagt Schmidt, der das Phänomen Social Freezing kritisch beurteilt. „Wir verstehen uns als Ärzte und sehen unsere Aufgabe darin, Sterilität zu behandeln - und nicht, das künstliche Herauszögern des Kinderwunschs zu unterstützen“, sagt er auch im Namen seines Kollegen Dr. Marc Janos Willi.

In diesen Behältern werden die Eizellen eingefroren.

Trotz der Möglichkeit, Eizellen einzufrieren und so die biologische Uhr vermeintlich anzuhalten, hätten Frauen im fortgeschrittenen Alter schlechtere Chancen, schwanger zu werden und höhere Risiken bei der Schwangerschaft, betont Schmidt. Das Einfrieren und Auftauen setze den Zellen stark zu. Die Geburtenrate pro aufgetauter Eizelle liege lediglich bei drei bis acht Prozent. Die Behandlungskosten von etwa 4000 Euro müssen die Frauen bei Social Freezing selbst tragen.

Wer ein Kind haben wolle, habe die besten Chancen im Alter bis 35 Jahre - und mit frischem Zellmaterial. „Deshalb ist Social Freezing kontraproduktiv“, sagt Schmidt. Dennoch rechnet er mit steigender Nachfrage nach der Methode. Dies sei auch Ausdruck eines gesellschaftlichen Problems: der mangelhaften Vereinbarkeit von Karriere und Kindern für Frauen.

Von Sex nach Plan bis künstliche Befruchtung

Kinderwunschzentrum des Klinikums behandelt ungewollt kinderlose Paare, aber auch viele Krebspatienten

Das Kinderwunschzentrum auf dem Kasseler Möncheberg boomt. Insgesamt 4684 Männer und Frauen haben dort im vergangenen Jahr Hilfe gesucht. Zum Vergleich: 2007 - im ersten vollen Jahr nach der Eröffnung - waren es noch 1676 Patienten. Inzwischen hat sich das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) für Reproduktionsmedizin längst einen Namen gemacht. Hilfe finden dort vor allem Paare mit unerfülltem Kinderwunsch. Etwa 15 bis 18 Prozent aller Paare weltweit sind von ungewollter Kinderlosigkeit betroffen, sagt Dr. Oswald Schmidt.

Kontakt: Medizinisches Versorgungszentrum für Reproduktionsmedizin am Klinikum Kassel, Mönchebergstraße 41 - 43, Tel. 05 61/ 980 29 80, E-Mail: info@ivf-kassel.de www.kinderwunsch-kassel.de

Oftmals führe schon eine genaue Beobachtung des Zyklus, um die fruchtbare Phase festzustellen, zum Erfolg. Das heißt, sie koordinieren den Geschlechtsverkehr nach Plan des Paares. VZO heißt das übrigens im Fachjargon: Verkehr zum Optimum. Bei hormonellen Störungen kann eine Hormonbehandlung die Fruchtbarkeit der Frau erhöhen. Bei der Insemination (Samenübertragung) werden zum Zeitpunkt des Eisprungs vorher aufbereitete Spermien des Partners gezielt in die Gebärmutter eingebracht.

Eine Methode der künstlichen Befruchtung ist die In-vitro-Fertilisation (IVF). Hier werden reife Eizellen aus den Eierstöcken der Frau entnommen und in der Petrischale mit den aufbereiteten Samenzellen des Partners zusammengebracht. Bei erfolgreicher Befruchtung wird der Embryo wieder in die Gebärmutter eingesetzt. Einen Schritt weiter geht die Intracytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI). Hier wird ein Spermium unter dem Mikroskop direkt in die Eizelle gespritzt.

Bei jungen Krebspatienten wird oft auch ohne akuten Kinderwunsch eine Behandlung zur Fruchtbarkeitserhaltung vorgenommen. Bei Frauen werden Eizellen oder Eierstockgewebe, bei Männern Samenzellen eingefroren. Ist ein Partner vorhanden, friert man meist befruchtete Eizellen ein, denn dann erhöht sich die Chance einer späteren Schwangerschaft.

Die Mediziner behandeln zudem Patienten mit Hormonerkrankungen und bieten humangenetische Beratung bei Erbkrankheiten an. (rud)

Von Katja Rudolph

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