Verdachtsmeldungen

Kindeswohlgefährdung in Kassel nimmt zu: Jugendamt erhält so viele Meldungen wie nie

Nicht allen Kindern geht es zu Hause gut: In Kassel wurden 2020 so viele Verdachtsfälle auf Kindeswohlgefährdung gemeldet wie nie – auch weil viele Nachbarn im Homeoffice waren. Unser Symbolbild entstand in Köln.      
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Nicht allen Kindern geht es zu Hause gut: In Kassel wurden 2020 so viele Verdachtsfälle auf Kindeswohlgefährdung gemeldet wie nie – auch weil viele Nachbarn im Homeoffice waren. Unser Symbolbild entstand in Köln.      

Immer mehr Kinder in Kassel sind bei ihren Erziehungsberechtigten offenbar nicht mehr sicher. Die Verdachtsmeldungen auf Kindeswohlgefährdung nehmen von Jahr zu Jahr zu.

Kassel - Für ganz Hessen hat das Statistische Landesamt im Jahr 2020 einen neuen Höchststand bei den Verdachtsmeldungen auf Kindeswohlgefährdung registriert. Das spiegelt sich auch beim Jugendamt in Kassel wider: Wurden dort 2019 noch 376 solcher Verdachtsfälle bearbeitet, sind es im Vorjahr 492 Mitteilungen gewesen.

Schon lange vor der Corona-Pandemie, nämlich seit 2004, nähmen Hinweise auf gefährdete Kinder von Jahr zu Jahr zu, teilte die Stadt Kassel auf HNA-Anfrage mit. Allein im Vergleich der letzten fünf Jahre seien es über 50 Prozent mehr Meldungen gewesen. Die Steigerung entspreche dem Bundestrend, heißt es vom Jugendamt. In etwa jedem 14. Fall würden Kinder nach solchen Hinweisen in amtliche Obhut genommen.

Kindeswohlgefährdung in Kassel nimmt zu: Die Hälfte der Kinder unter sieben Jahre

Laut Landesstatistik sind bei der Hälfte aller Gefährdungseinschätzungen Kinder unter 7 Jahren betroffen gewesen. Wurden Kindeswohlgefährdungen bestätigt, sei es bei jeweils knapp der Hälfte der Fälle um Vernachlässigung oder psychische Misshandlung gegangen. Jeder vierte Fall habe körperliche Misshandlungen betroffen, bei 4 Prozent der Fälle ging es um Anzeichen sexueller Gewalt.

Die Stadt Kassel erklärt den seit Jahren beständigen Anstieg der Verdachtsfälle mit einer allgemein höheren Sensibilität für Fragen des Kinderschutzes, sieht für den aktuellen Höchststand aber auch konkrete Gründe in den Lockdowns und Kontaktbeschränkungen der Pandemie.

Kindeswohlgefährdung in Kassel - auch Zahl der Partnerschaftsgewalt hat zugenommen

So sei in dieser Zeit eine Zunahme bei häuslicher Partnerschaftsgewalt um 30 Prozent festgestellt worden, sagte eine Rathaussprecherin. Mit der Polizei sei schon länger vereinbart, dass das Jugendamt dann jeweils eine Meldung erhält, wenn in solchen Fällen Kinder mit im Haushalt leben.

Auch der Trend zum Homeoffice verstärke die Aufmerksamkeit für tatsächliche oder vermutete Notlagen von Kindern, weil Streit und Auffälligkeiten in Nachbarwohnungen eher wahrgenommen würden. Lockdown und Homeschooling, fehlende Außenkontakte und Rückzugsmöglichkeiten daheim, Existenzängste durch Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit hätten besonders in Familien mit ohnehin schwierigen Lebensbedingungen zu einer Konfliktverschärfung geführt.

Wo das Kasseler Jugendamt Kinder in Obhut nehmen musste, habe es auch in der Pandemiezeit keine Einschränkungen bei Pflegefamilien und Wohngruppen gegeben, sagte die Stadtsprecherin. Wie sich die Lage für Kinder in Kassel im laufenden Jahr entwickelt hat, werde erst wieder am Jahresende ausgewertet. (Axel Schwarz)

Auch gegen sexuelle Gewalt an Kindern geht die Polizei verstärkt vor - erst im Juli 2021 gab es hessenweit Razzien. Immer aktuell informiert mit dem kostenlosen Kassel-Newsletter der HNA.

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