Doku über Dynamo Windrad lief auf Festival

Kino im Fußballstadion: Dieser Kasseler Verein besiegte sogar den großen DFB

Angemessener Ort für eine Fußball-Doku: Etwa 40 Zuschauer sahen beim Oldenburger „Gegengerade“-Festival Max Winklers Doku über Dynamo Windrad im Marschwegstadion.
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Angemessener Ort für eine Fußball-Doku: Etwa 40 Zuschauer sahen beim Oldenburger „Gegengerade“-Festival Max Winklers Doku über Dynamo Windrad im Marschwegstadion.

Dynamo Windrad ist Kassels ungewöhnlichster Sportverein. Nun erzählt eine Doku die Geschichte der alternativen Kicker, die sogar den großen DFB besiegten.

Kassel/Oldenburg – Dass Max Winkler zum Dokumentarfilmer wurde, liegt auch an seiner „großen Klappe“, wie er selbst sagt. Vor zwei Jahren traf der Pressewart von Dynamo Windrad einen jener Fans des VfB Oldenburg, die in ihrer Stadt das Fußballfilm-Festival „Gegengerade“ veranstalten. Als Winkler gefragt wurde, ob er nicht einen Film kenne, der dort gezeigt werden könnte, antwortete er: „Klar, ich arbeite schon länger an einer Doku über Dynamo.“ In Wirklichkeit hatte er bis dahin nur die Idee für den Film.

Nun lief sein Film aber tatsächlich beim „Gegengerade“-Festival – und zwar nicht in einem Kino, sondern standesgemäß im Marschwegstadion, wo sonst die Viertliga-Kicker des VfB ihre Heimspiele austragen. Etwa 40 Zuschauer sahen die 60-Minuten-Version mit dem Titel „Sonntag Morgen Linien Ziehen“.

Basis für Winklers Doku ist der halbstündige Film, den der Hamburger Regisseur Stefan Willner anlässlich des 25. Dynamo-Jubiläums gedreht hatte. Bis zum 40. Geburtstag des Vereins im nächsten Jahr sollen daraus 90 Minuten werden. Sprecher ist Winklers Bruder, der Schauspieler Milton Welsh („Blutzbrüdaz“).

Wahrscheinlich würde der Kasseler Alternativ-Verein Stoff für eine ganze Serie liefern. Winkler und Willner erzählen etwa von dem aberwitzigen Rechtsstreit in den 80er-Jahren, als der DFB den Namen Dynamo nicht akzeptierte, weil er sonst nur in DDR-Vereinen gebraucht wurde und politisch links sei.

Über ein Interview mit dem späteren DFB-Präsidenten Wolfgang Niersbach im Film kann man nur den Kopf schütteln. Erst nach dem Ende der DDR durften die Kasseler auch in DFB-Ligen kicken. Dynamo-Mitglied Achim Frenz, heute Leiter der Frankfurter Caricatura, war damals dafür, den Verein einzustampfen. Schließlich hatte er den großen DFB besiegt.

Winkler musste sich die Geschichte erst erarbeiten, als er vor fünf Jahren in den Verein eintrat. In der Jugend stand er beim SVH im Tor. Als er nach einem abgebrochenen Studium aus Erfurt in seine Heimatstadt zurückkehrte, wollte er „ohne Druck gegen den Ball treten“, wie er sagt: „Ich habe mich sofort verknallt in diesen Verein.“

Heute studiert der 25-Jährige Politikwissenschaft und Soziologie und ist bei Dynamo „Mädchen für alles“. Er kümmert sich um die Öffentlichkeitsarbeit und ist im Windpark Jahn, wie der Sportplatz in Rothenditmold heißt, Platzwart und eine Art Sozialarbeiter.

Mittlerweile wird bei Dynamo längst nicht mehr nur gekickt. Für die mehr als 1400 Mitglieder gibt es Angebote von Badminton bis Wirbelsäulengymnastik. Für Winkler ist Dynamo trotzdem noch lange kein Verein wie jeder andere. Die Mitglieder engagieren sich gegen Rassismus und Homophobie. Vor zwei Jahren kämpften sie mit mehreren Aktionen gegen die Abschiebung ihres Mitspielers Soryba Drame alias Ibra aus Guinea – letztlich vergeblich.

Auch der Spaß kommt nicht zu kurz. Auf Stickern steht nicht: „Hier regiert der FSC.“ Sondern: „Hier verliert der FSC.“ Und als die zweite Fußball-Mannschaft 2019 nur durch eine Entscheidung am grünen Tisch die Klasse hielt, wurde ernsthaft darüber diskutiert, ob man sich den Abstieg in die Kreisliga C nicht einklagen sollte. „Provozieren und Quatsch machen – der Spirit lebt noch“, sagt Winkler. (Matthias Lohr)

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