Kiosk am Kasseler Rathaus bekommt neuen Pächter

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Vor 26 Jahren: Die Iskes im Jahr 1985 in ihrem neun Quadratmeter großen Reich.

Kassel. „Dich kennen mehr Leute als den Bürgermeister’, hat mal ein Kunde zu mir gesagt“, erzählt Richard Iske. Das Gesicht des 68-Jährigen ist eben eng mit dem Kasseler Rathaus verbunden.

Schließlich hat er etwa 50 Jahre lang im Kiosk davor gestanden und Tag für Tag mit seiner Frau Monika um die 1500 Kunden bedient. Darunter sechs Oberbürgermeister: Von Lauritz Lauritzen über Karl Branner, Hans Eichel, Wolfram Bremeier, Georg Lewandowski bis zu Bertram Hilgen. „Der Branner hat hier von seiner Sekretärin einkaufen lassen, der Eichel hat immer Autozeitschriften gekauft“, erzählt Iske.

Haben ihren Kiosk verkauft: Richard und Monika Iske sind ganz eng mit dem Kasseler Rathaus verbunden.

Ein Stück Kasseler Stadtgeschichte geht zu Ende: Die Zeitungshändler der Oberbürgermeister haben ihren Kiosk verkauft. Am Samstag werden Monika (63) und Richard Iske zum letzten Mal gemeinsam Zeitungen, Fahrkarten und Tabak verkaufen.

„Die Zeit war reif. Ich habe mich abends richtig ausgelaugt gefühlt“, begründet Iske diesen Schritt. Täglich hat er von 5 bis 19 Uhr gearbeitet. „Samstags bin ich gut zu mir gewesen und habe nur von 7.30 bis 14.30 Uhr hinterm Tresen gestanden.“ Während sich seine Frau Monika, mit der er seit 1966 verheiratet ist und zwei erwachsene Kinder hat, richtig auf den Ruhestand freut, kann er es noch nicht ganz lassen: Künftig will er noch halbtags für den neuen Pächter arbeiten, zudem ist Iske Hausmeister für vier Immobilien in der Innenstadt.

Nach einer Lehre zum Großhandelskaufmann bei der Firma Dittmann arbeitete Iske im Kiosk seines Stiefvaters Ludwig Heil, 1966 kaufte er Heil den Kiosk ab. 1971 wurde dieser durch einen Neubau an selber Stelle ersetzt. „Wir wollten damals auch Lotto anbieten, dafür war der alte Kiosk zu klein“, sagt Iske. Seit 40 Jahren arbeitet das Paar in seinem Reich auf neun Quadratmetern. Trotz der vielen Arbeit hätten sie es nie bereut, den Kiosk zu führen. „Diese Freiheit“, schwärmt er. „Ich hatte nie einen Chef, nur eine Chefin“, sagt Iske und blickt zu seiner Frau. „Ohne sie hätte ich das auch nicht so lange geschafft.“

Nach 15 Jahren gönnten sich die Iskes das erste Mal einen Urlaub. Das hatten sie Fleischer Barthel aus der Wilhelmsstraße zu verdanken. „Der kam eines Tages zu mir und sagte, dass er auch drei Wochen Urlaub macht. In der Zeit würden seine Kunden auch nicht verhungern.“

Iskes haben ihren Kiosk aber immer nur im Oktober zugemacht. „Im Herbst müssen wir die Blumen auf dem Dach nicht mehr gießen“, sagt Monika Iske. Ansonsten kannte das Ehepaar kein Saisongeschäft. Die Kunden, die zum Teil seit Jahrzehnten kommen, kaufen das ganze Jahr ein. Einmal hatten sie Existenzängste: Als vor rund 30 Jahren Vaternahm seinen Buchhandel am Rathaus eröffnete. „Ich dachte, die versetzen uns den Todesstoß“, sagt Iske. Er irrte. Vaternahm hat vor zwei Jahren dicht gemacht, der Kiosk läuft gut.

„Was sollen wir nur ohne Euch machen?“ fragt eine Kundin. Richard Iske tröstet sie: Von 5 bis 11 Uhr wird er künftig als Angestellter in seinem geliebten Kiosk stehen. (use)

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