WG-Zoff gibt's auch bei einem Altersdurchschnitt von 72 Jahren

Als Rentner in die WG: 14 ältere Menschen teilen sich Haus in Kassel

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Wollen sich gegenseitig stützen: Seit September leben 14 ältere Menschen im Wohnprojekt „Gemeinsam ins Alter“ in Kirchditmold unter einem Dach. Ihr Altersdurchschnitt liegt bei 72 Jahren.

Kassel. Besuche in einem Altenheim wurden für Peter und Bettina Schau zum Antrieb. „Da sahen wir alte Menschen in den Fluren sitzen, die morgens und abends nur darauf warteten, dass der Essensgong ertönt“, erzählen der 78-Jährige und die 75-Jährige. So sollte ihr Lebensabend nicht aussehen.

Also gründeten sie 2006 einen Verein. Ihre Idee war es, dass sich eine Gruppe alter Menschen findet, die gemeinsam ein Haus bauen, in dem sie zusammen leben und voneinander profitieren können. Dieser Traum wurde Realität.

Seit sechs Wochen leben 14 Menschen aus Kassel und der Region in einem Neubau an der Kirchditmolder Distelbreite. Das Projekt „Gemeinsam ins Alter“ bewährt sich gerade im Alltag. Kaum einer der 53- bis 89-Jährigen hat WG-Erfahrung – ihr Altersdurchschnitt liegt bei 72 Jahren.

Wegen der langwierigen Planung, bei der die Baukosten von 2,15 Mio. Euro gestemmt werden mussten, sind einige Gründungsmitglieder verstorben, bevor sie in das Haus einziehen konnten. Es war aber kein Problem, neue Interessenten zu finden. Es gibt sogar eine Warteliste. „In der Gemeinschaft können wir würdig altern und länger selbstbestimmt leben“, ist sich Bettina Schau sicher.

Die 14 Mitglieder wohnen in barrierefreien Appartements mit Duschbad und Terrasse oder Balkon. Dort gibt es Privatheit. Montags bis freitags kommen alle zum Mittagessen in einer Gemeinschaftsküche zusammen. Dort kocht eine angestellte Haushälterin mit den Bewohnern. An Wochenenden muss sich jeder selbst in seiner kleinen Küche im Appartement verköstigen, von denen die meisten 45 Quadratmeter Platz bieten. Wer einen Pflegedienst in Anspruch nimmt, muss diesen selbst organisieren.

Die Wohngemeinschaft ist kein Hotel. Jeder muss anpacken: Geschirr abtrocknen, Blumen gießen, Gartenarbeit, Schuppen aufräumen. So bleiben alle aktiv. Nur Staubsaugen und Rasenmähen übernehmen John und Jacques: Zwei nimmermüde Roboter.

Den typischen WG-Zoff gibt es auch im gesetzten Alter. „An der Frage, ob es Jalousien geben soll und wie die Küche gestaltet wird, wäre das Projekt fast gescheitert“, sagt Bettina Schau. Um Streit vorzubeugen, kommt regelmäßig ein Mediator, der bei Problemen vermittelt. Doch bisher ist das Leben unbeschwert: Singabende, gemeinsame Spaziergänge und Konzertbesuche sowie spontane Plaudereien schweißen zusammen.

Peter und Bettina Schau sind stolz auf ihr gemeinnütziges Projekt, das sich an den englischen Abbeyfield-Häusern orientiert. Wegen seines Pilotcharakters in Deutschland gab es kaum vorgegebene Wege. Auch mussten viele Spender gefunden werden.

Wer einziehen will, muss Genossenschaftsanteile erwerben: 500 Euro pro Quadratmeter. Die Miete beträgt 9,50 Euro pro Quadratmeter, es gibt auch eine Sozialwohnung. Günstigere Mieten waren wegen der hohen Investitionen nicht möglich. Weil energieeffizient gebaut wurde (KfW 70), sind die Nebenkosten aber überschaubar.

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