"SPD hat es nicht verstanden"

Darum verließ der Kasseler Lars Ramdohr die SPD nach fast 20 Jahren

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Er ist nach 19 Jahren aus der SPD ausgetreten: Lars Ramdohr aus Kirchditmold. Auf bundespolitischer Ebene favorisiert er eine Minderheitsregierung.

Kassel. Lars Ramdohr (39) war knapp 19 Jahre Mitglied der SPD. Jetzt hat Ramdohr seinen Austritt aus der Partei erklärt. Über die Gründe sprachen wir mit ihm.

Ramdohr saß von 2006 bis 2011 in der Kasseler Stadtverordnetenversammlung und ist seit 2001 Mitglied des Ortsvereins Kirchditmold.

Seit Anfang des Jahres sind 24.000 Menschen in die SPD eingetreten. Sie hingegen haben das Parteibuch jetzt abgegeben. Haben Sie Martin Schulz und die Pläne für die Große Koalition so verärgert?

Lars Ramdohr: Mein Austritt hat mit der GroKo und mit der Schulz-Geschichte nicht so viel zu tun, sondern mit der Veränderung der SPD in den vergangenen Jahren. Ich kann den SPD Ortsverein Kirchditmold in der Öffentlichkeit nicht mehr vertreten. Dafür sind die Unterschiede zwischen mir und der Partei mittlerweile zu groß geworden. Allerdings möchte ich mich weiterhin im Stadtteil engagieren: Ich möchte Mitglied des Ortsbeirats bleiben und bin ja auch Vorsitzender des Bürger- und Heimatvereins.

Inwieweit hat sich denn die SPD verändert?

Ramdohr: Früher war die SPD mehr bei den Leuten – eine Arbeiterpartei. Inzwischen bewegt sich die Partei immer mehr von den normalen Menschen weg. Man sieht das doch aktuell bei Andrea Nahles, die einfach zur neuen Vorsitzenden gemacht werden soll, anstatt die eigenen Mitglieder zu fragen.

Was halten Sie von Martin Schulz?

Ramdohr: Ich fand den Schulz am Anfang nicht schlecht. Aber dann hat er alles falsch gemacht, was man nur falsch machen kann. Und der Umgang mit Sigmar Gabriel war mehr als traurig. Ich finde es unmöglich, wie Gabriel abgesägt worden ist.

War die GroKo ein Fehler?

Ramdohr: Nicht die letzte. Aber am Wahlabend im September habe ich mich gefreut, als Martin Schulz erklärte, dass die SPD in die Opposition geht. Ich dachte, die SPD hätte verstanden, was die Wähler wollen. Aber offenbar hat sie es doch nicht verstanden.

Können Sie das konkretisieren?

Ramdohr: Bei Themen wie Bürgernähe, Soziales und Flüchtlinge hat die SPD es bis heute nicht verstanden, eine richtige Position zu finden. Die Sozialdemokraten fragen sich einfach nicht, warum sie viele Wähler verloren haben und welche Sorgen die Menschen umtreiben.

Sie arbeiten bei Volkswagen in Baunatal. Da ist doch die SPD sicher auch Thema.

Ramdohr: Auf alle Fälle. Die Stimmung unter den Kollegen hat sich total geändert. Viele Kollegen haben früher hinter der SPD gestanden, leider hat sich dies auch geändert.

Die Alternative zur GroKo wären Neuwahlen. Und da sehen die Prognosen für die SPD mit 16 Prozent mehr als schlecht aus.

Ramdohr: Ich bin nicht für Neuwahlen, sondern für eine Minderheitsregierung. Das funktioniert doch in anderen Ländern auch gut. Da muss es dann eben immer um die Sache gehen, nicht um die Parteien.

Aus welchen Gründen sind Sie 1999 in die SPD eingetreten?

Ramdohr: Mein Vater hat mich damals zum Neujahrsempfang der SPD in Kirchditmold mitgenommen. Da habe ich viele Gespräche geführt und mich angeregt mit dem damaligen Bürgermeister Ingo Groß unterhalten. Das hat mich fasziniert. Und natürlich fand ich die Positionen der Partei gut. Mir haben auch Bundeskanzler Gerhard Schröder und seine Reformen gefallen, was viele ja nicht verstehen können.

Und jetzt hat die SPD keine guten Positionen mehr?

Ramdohr: Die SPD hat auch noch gute Inhalte. Aber die Partei hatte ja schon immer Schwierigkeiten, ihre Vorzüge zu zeigen. Die SPD ist eher bekannt dafür, das Schlechte nach außen zu präsentieren. Wenn sich zwei Sozialdemokraten in einem Raum treffen und das Gespräch geheim bleiben soll, dann steht es am nächsten Tag in der Zeitung.

Auch wenn Sie jetzt ausgetreten sind – tut es Ihnen nicht weh, wenn Sie sehen, was mit der SPD gerade passiert?

Ramdohr: Natürlich. Ich bleibe im Herzen Sozialdemokrat, stehe für Zusammenhalt, Gerechtigkeit in der Gesellschaft und soziale Werte. Das sind ja auch die Dinge, für die ich mich weiterhin einsetzen werde.

Zur Person: Lars Ramdohr (39) trat am 17. März 1999 in die SPD ein und erklärte zum 1. Februar 2018 seinen Rücktritt. Er war von 2006 bis 2011 Stadtverordneter und ist seit 2001 Mitglied im Ortsbeirat Kirchditmold. Dort ist er seit 2011 auch stellvertretender Ortsvorsteher. Ramdohr wurde in Kassel geboren und ist in Kirchditmold aufgewachsen. Hier lebt es bis heute. Er arbeitet bei Volkswagen in der Qualitätssicherung. Ramdohr ist verheiratet und hat einen einjährigen Sohn.

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