Einschüchterung der Senioren mit massivem Druck

Betrüger suchen Opfer in Telefonbüchern: Experte über Schockanruf-Masche

Nehmen auch durch Corona zu: Betrüger rufen Senioren an, um Geld oder Schmuck zu erbeuten (Symbolbild).
+
Nehmen auch durch Corona zu: Betrüger rufen Senioren an, um Geld oder Schmuck zu erbeuten (Symbolbild).

Eine Frau ist am Freitag in Kirchditmold Opfer von Trickbetrügern geworden. Mit einem Schockanruf erbeuteten die Täter hochwertigen Schmuck. Experte Matthias Mänz spricht im Interview über die Maschen der Täter.

Herr Mänz, wie verkraften Senioren eigentlich solche Taten?
Opfer solcher Fälle haben ein sehr großes Schamgefühl. Häufig ist das gesamte Ersparte übergeben worden. Das führt dazu, dass Senioren durch einen solchen Betrug teilweise schwer traumatisiert sind oder im schlimmsten Fall sogar Suizidgedanken haben, weil man sich so sehr schämt, auf diese Betrüger hereingefallen zu sein. Zu beachten ist auch, dass es ein großes Dunkelfeld gibt.
Wie finden die Betrüger ihre Opfer?
Wir wissen aus vielen Ermittlungsverfahren, dass die Täter ihre Opfer oftmals in Telefonverzeichnissen finden. Das sind dann vorwiegend Personen mit älter klingenden Vornamen. Man sollte deshalb für sich genau schauen, ob es zwingend notwendig ist, dass man dort seinen vollständigen Namen und die Adresse angibt.
Wie haben die Täter im aktuellen Fall in Kirchditmold agiert?
Die Frau ist am Freitagnachmittag von den Unbekannten angerufen worden. Der Anrufer hat sich am Telefon als Polizist ausgegeben. Er hat gesagt, dass die Tochter der Frau einen tödlichen Unfall verursacht hätte und dringend Geld brauche, weil ihr Auto nicht versichert sei. Wenn sie die Summe nicht zahlen könne, müsse die Tochter ins Gefängnis.
Man fragt sich schon, ob jemand bei einer solchen Geschichte nicht stutzig wird?
Ein Großteil durchschaut die Täter. Vielen Senioren sind diese Maschen aus den Medien bekannt. So gelingt es eben auch, den Großteil dieser Fälle zu verhindern. Aber man muss berücksichtigen, dass die Täter, wenn sie diese Anrufe starten, eine ganze Welle davon lostreten. Das merken wir, weil wir viele Rückmeldungen von Fällen bekommen, wo der Betrug gescheitert ist. Die Betrüger lassen nicht locker, bis jemand den Köder geschnappt hat. Das ist dann vielleicht ein Mensch, der aufgrund seines Alters nicht mehr so gut in der Lage ist, die erfundene Geschichte zu durchschauen. Vielleicht ist auch der Kontakt zu den Angehörigen nicht so eng. Man muss bedenken, dass seitens der Täter der Schockmoment ausgenutzt wird, die Angerufenen werden stark unter Druck gesetzt und überrumpelt, dazu wird eine massive Drohkulisse aufgebaut.
Wie muss man sich das vorstellen?
Es gibt Fälle, da ziehen sich mehrere Telefonate teilweise über Stunden. Da melden sich dann auch mitunter unterschiedliche Personen vom vermeintlichen Polizisten bis zum vermeintlichen Staatsanwalt oder vermeintlichen Richter. Das alles mit dem Ziel, die Drohung glaubhaft zu machen und einen sehr hohen Druck aufzubauen. Die Täter wirken auf das Opfer ein, um sicherzugehen, dass bis zur Geldübergabe weder Angehörige noch die Polizei verständigt werden. Vor allem diese Verpflichtung zur Verschwiegenheit führt zu einer starken Verunsicherung.
Wie läuft die Übergabe des Geldes oder der Wertgegenstände ab?
Beim Betrug am Telefon ist es meist so, dass ein Abholer geschickt wird. Es handelt sich um kriminelle Banden, die ihre Boten in der Region haben. Im Grunde sind das die schwächsten Glieder der Kette. Meistens wird Bargeld oder Schmuck übergeben, da die Täter das am besten für sich nutzen können.
Wie fliegen solche Maschen auf?
Meist weil die Betrüger sagen, dass sie sich noch mal melden. Wenn dann die Opfer ihre Angehörigen kontaktieren, weil sie keine Rückmeldung bekommen, fliegt der Betrug auf. Das war auch im aktuellen Fall so. (Kathrin Meyer)

Zur Person

Matthias Mänz (37) ist Leiter der Pressestelle beim Polizeipräsidium Nordhessen und seit mehr als fünf Jahren Pressesprecher. Währenddessen hat der Polizeihauptkommentar trotz Präventionsarbeit schon eine Vielzahl von vollendeten Betrugsdelikten oft zum Nachteil von Senioren begleiten müssen. Mänz lebt im Landkreis Kassel.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.