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Plötzlich war Gaußstraße leergefegt: Nach 50 Jahren greift Stadt bei Halteverbot durch

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Von: Bastian Ludwig

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Bis vergangene Woche parkte hier über Jahrzehnte regelmäßig ein Dutzend Autos am rechten Rand: Weil die Straße zu schmal ist, besteht ein Halteverbot, das nicht ausgeschildert werden muss. Jetzt griff die Stadt durch.
Bis vergangene Woche parkte hier über Jahrzehnte regelmäßig ein Dutzend Autos am rechten Rand: Weil die Straße zu schmal ist, besteht ein Halteverbot, das nicht ausgeschildert werden muss. Jetzt griff die Stadt durch. © Bastian Ludwig

Das Parken und Halten in schmalen Straßen ist in Kassel in immer mehr Vierteln zum Streitthema geworden. Nun hat es die Anwohner des schmalen Teils der Gaußstraße in Kirchditmold erwischt.

Kassel - Wo über Jahrzehnte selbstverständlich am Fahrbahnrand geparkt wurde, hat vergangene Woche eine Anwohnerbeschwerde der Gewohnheit ein Ende gesetzt. „Ohne Vorwarnung wurden wir morgens vom Ordnungsamt rausgeklingelt und sollten innerhalb von zehn Minuten unsere Autos wegfahren. Wer dies nicht tue, bekomme ein Knöllchen“, erzählt Anwohner Arnold Mackenroth.

Der 75-Jährige wohnt seit 50 Jahren an der Gaußstraße. „Das Parken am Fahrbahnrand war nie ein Problem. Auch im Rathaus war dies bekannt, aber es wurde geduldet“, sagt der Rentner. Und weiter: „Auch Müllabfuhr und Post kommen durch.“ Wobei er zugeben muss, dass der Bürgersteig oft überfahren werden muss. Eine Sanktionierung durch das Ordnungsamt habe er aber in all den Jahren nicht erlebt.

Zu dicht an der Kreuzung geparkt: Ein Auto stand doch noch am Rand und sorgte gleich für Probleme.
Zu dicht an der Kreuzung geparkt: Ein Auto stand doch noch am Rand und sorgte gleich für Probleme. © Bastian Ludwig

Am vergangenen Donnerstag änderte sich dies. Ausgelöst durch eine Anwohnerin, die sich über rückwärts in die Einbahnstraße fahrende Lastwagen beklagte, die zudem über den Bürgersteig rollten, verschaffte sich das Ordnungsamt ein Bild von der Lage. Dort trafen die Beamten auf einen Firmeneigentümer, der berichtete, sein Zulieferer könne ihn nur so erreichen, weil aus der anderen Richtung die Straße bis in den Kreuzungsbereich häufig zugeparkt sei.

Tatsächlich parkten zum Zeitpunkt der Kontrolle 15 Fahrzeuge am rechten Fahrbahnrand. „Diese Fahrzeuge führten durch ihren Abstellort eine Engstelle herbei, die in einigen Fällen nur noch eine Restfahrbahnbreite von zwei bis 2,50 Metern frei lies“, so ein Rathaussprecher. Laut Straßenverkehrsordnung und Rechtsprechung müssen Autofahrer beim Parken darauf achten, dass eine Mindestbreite der Fahrbahn von drei Metern frei bleibt, damit beispielsweise auch Rettungswagen sicher vorbeikommen.

Eine der wenigen Garagen an der Straße: Weil diese zu klein für heutige Autos ist, passt nur die Front hinein.
Eine der wenigen Garagen an der Straße: Weil diese zu klein für heutige Autos ist, passt nur die Front hinein. © Bastian Ludwig

Für die Anwohner hatte ihr gewohntes Verhalten Konsequenzen: „Sämtliche Halter konnten erreicht werden und fuhren – teils erst nach hartnäckiger Aufforderung – ihre Fahrzeuge aus den Gefahrenstellen. In elf Fällen, in denen die Restfahrbahnbreite massiv unterschritten war, wurden Verwarnungen mit Verwarngeld ausgesprochen“, so der Rathaussprecher.

Arnold Mackenroth und seine Nachbarin Margarete Jobst stört besonders die Art des Vorgehens. „Anstatt direkt mit Konsequenzen zu drohen, könnte die Stadt gemeinsam mit Anwohner nach einer Lösung suchen. Denn hier im Umfeld ist das Parkplatzangebot ohnehin knapp“, sagt Mackenroth. Das Resultat sei jedenfalls für die Stadt sicher auch nicht wünschenswert. So wollten nun mehrere Nachbarn – darunter auch Mackenroth – ihre Vorgärten durch Parkflächen versiegeln. Ähnliches ist in vielen Nachbarstraßen der Gaußstraße geschehen.

Der betroffene Straßenabschnitt: Gaußsstraße in Kirchditmold
Der betroffene Straßenabschnitt: Gaußsstraße in Kirchditmold © HNA

Jobst ist eine der wenigen Anwohner, die eine Garage haben. Das Problem ist nur, dass diese viel zu schmal für heutige Autos ist – selbst für ihren Kleinwagen. Deshalb stellt sie ihn nur mit der Front in die Garage. Damit ist sie auf der sicheren Seite.

Die Stadt bestreitet, dass hier eine verkehrsrechtliche Verfehlung über Jahrzehnte geduldet worden sei. „Es gibt keinen Strategiewechsel bei der Verkehrsüberwachung“, so der Rathaussprecher. Dort, wo Verstöße festgestellt werden, würden diese bearbeitet. Es sei zudem nicht Aufgabe der Stadt, mittels Informations- oder Rundbrief, auf die Einhaltung der straßenverkehrsrechtlichen Vorschriften hinzuweisen. Jeder, der einen Führerschein besitze, müsse diese kennen.

Eine weitere Versiegelung durch Parkplatzflächen sei wegen der drohenden Überhitzung des Stadtklimas natürlich nicht wünschenswert und bedürfe – je nach konkreter Situation – einer Genehmigung durch die Stadt. (Bastian Ludwig)

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