Viele Dokumente gingen verloren

Was tat die Kirche ab 1933?

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Hier lagerten die Dokumente bis zum 22. Oktober 1943: Der Renthof mit der Brüderkirche wurde im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt. Das Archiv des Landeskirchenamtes ging damals in Flammen auf.

Kassel. Welche Rolle hat die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck im Nationalsozialismus gespielt? Eine eindeutige Antwort auf diese Frage gibt es nicht, dafür aber erstmals eine umfassende Materialsammlung.

In drei Bänden liegen jetzt Texte aus den Reihen der Bekennenden Kirche vor, die zwischen 1933 und dem Kriegsende 1945 entstanden sind.

Der Titel „Kirche im Widerspruch“ sei bewusst doppeldeutig gewählt, sagte Bischof Martin Hein gestern bei der Präsentation. Es habe Widerspruch gegen den totalitären NS-Staat gegeben, die Kirche habe sich dennoch widersprüchlich verhalten. Neben Belegen für einen Kirchenkampf gegen das Regime gebe es auch Dokumente, die auf Anpassung schließen lassen.

Warum viele der Quellen erst heute zugänglich sind, hat mit der Kasseler Bombennacht vom 22. Oktober 1943 zu tun. Damals befand sich das landeskirchliche Archiv im Renthof neben der Brüderkirche. Das Gebäude wurde schwer beschädigt, ein Großteil der Dokumente verbrannte.

„Aus Nachlässen von Pfarrern und aus anderen Archiven haben wir unser Material zusammengetragen“, sagt Michael Dorhs, der die rund 1400 Seiten starke Dokumentation mit ihren zahlreichen Fußnoten herausgegeben hat. Ohne die Erläuterungen wären viele Texte für heutige Nutzer kaum verständlich. Es sind Dokumente aus einer totalitären Zeit mit vielen Andeutungen, die man übersetzen muss. 16 ehrenamtliche Mitarbeiter haben die 350 Texte ausgesucht und kommentiert. Sie stammen aus Kirchengemeinden zwischen Bad Karlshafen und Bergen-Enkheim vor den Toren Frankfurts.

Pflicht nicht getan?

Die Texte ermöglichen die weitere intensive Beschäftigung mit der jüngeren Kirchengeschichte. Unmittelbar nach Kriegsende kamen zwei wichtige Vertreter zu höchst unterschiedlichen Bewertungen. Die Kirche habe ihre Pflicht nicht getan, schrieb Bernhard Heppe, der Geschäftsführer der Bekennenden Kirche, in sein Tagebuch. Ernst Neubauer, ein Weggefährte und Landeskirchenrat, sah das ganz anders. Die Kirche habe die Prüfung ohne wesentlichen Verlust an innerer Kraft und Glaubwürdigkeit überstanden. Für beide Einschätzungen lassen sich in den Bänden zu „Kirche im Widerspruch“ Belege finden.

Nachkriegszeit

Mit der Kirchengeschichte in Kurhessen-Waldeck von 1945 bis 1963 hat sich der Pfarrer Michael Stahl in seiner ebenfalls als Buch erschienenen Dissertation beschäftigt. „Vom Nationalsozialismus in die Demokratie“ lautet der Titel. Es geht um die Amtszeit von Bischof Adolf Wüstemann. Stichworte sind die Entnazifizierung innerhalb der Kirche und eine neue Organisationsstruktur.

Von Thomas Siemon

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