1994 gab es Missbrauchsfall in Kassel – Dechant Fischer: „Heute völlig undenkbar“

Kirche ignorierte Verdacht

Dom in Fulda: Die Leitung des Bistums versetzte damals einen Pfarrer nach Kassel, gegen den es Missbrauchsvorwürfe gab. Foto: dpa

Kassel. Bundesweit steht die Katholische Kirche wegen ihres Umgangs mit Missbrauchsfällen in der Kritik. In den 90er-Jahren sorgte auch in Kassel ein Vorfall für Schlagzeilen: Ein Pfarrer wurde zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt, weil er drei Jungen sexuell missbrauchte.

Der Fall zeigte, wie inkonsequent die Kirchenführung damals mit dem Thema umging. Auch heute schweigt das Bistum Fulda zu dem Vorfall. Dennoch sagt der Kasseler Dechant Harald Fischer, die Kirche würde inzwischen anders reagieren.

„Katholischer Pfarrer – Drei Jungen missbraucht?“ lautet im Juni 1994 die Schlagzeile in der HNA. Damals beschuldigte eine Mutter den Mann, ihren zwölfjährigen Sohn sexuell belästigt zu haben. Der Pfarrer habe das Kind auf den Mund geküsst, am Körper und im Genitalbereich gestreichelt. Der Geistliche stritt dies ab.

Erzbischof war informiert

Tatsächlich waren ähnliche Vorwürfe gegen den Mann dem Bistum bereits bekannt. Genauer gesagt: Sie waren Ursache für seine Versetzung nach Kassel. Dies berichtete das ARD-Magazin Panorama. Demnach hatte der Geistliche in Osthessen Messdiener im Genitalbereich berührt.

Einer der Betroffenen wand sich an die Kirchenführung. Wie der Pfarrer später zu Protokoll gab, soll auch der damalige Erzbischof Johannes Dyba von den Vorwürfen gewusst haben, berichtet Panorama. Die Kirche reagierte anders als erwartet: Man versetzte den Pfarrer nach Kassel.

Nach den erneuten Missbrauchsvorwürfen kam die Sache vor Gericht: Der Pfarrer wurde nach einem Geständnis wegen sexuellen Missbrauchs in zehn Fällen verurteilt.

Dabei kritisiert das Gericht in Kassel die Kirchenleitung hart: Hätte sie den Angeklagten rechtzeitig an weiterer Gemeindearbeit gehindert, wäre es nicht zu weiteren Vorfällen gekommen. Ein Verfahren wegen Verletzung der Fürsorgepflicht gegen die verantwortlichen Bischöfe wurde jedoch eingestellt.

Heute sei eine solche Reaktion der Kirche „völlig undenkbar“, sagt Dechant Harald Fischer. Seit 2002 gebe es die Anweisung, bei Vorwürfen sofort die Polizei, den Betroffenen und die Bistumsleitung zu informieren. Vor Klärung eines Verdachts werde niemand versetzt.

Fischer fordert einen offenen Umgang mit dem Thema Missbrauch. Er bereite momentan eine Diskussionsveranstaltung dazu vor. Der Generalvikar Prof. Gerhard Stanke habe seine Zustimmung bereits bekundet.

Dabei sei die Aufarbeitung solcher Fälle kein kirchenspezifisches Thema. „Aber die Kirche hat einen moralischen Anspruch“, sagt Fischer. Die Berichte über Missbrauchsfälle seien unter Katholiken Gesprächsthema, aber kein Grund für vermehrte Austritte aus Gemeinden. Allerdings müsse man damit rechnen, dass die Mitglieder Konsequenzen ziehen, die mit der Kirche sympathisieren, aber ihr fern stehen. POLITIK

Von Göran Gehlen

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