Endlich Klarheit

Kasselerin findet Grab ihres vermissten Bruders nach 70 Jahren

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Keine 22 Jahre alt war Albert Waschulewski, als er während des Zweiten Weltkriegs als Wehrmachtssoldat in Russland in Kriegsgefangenschaft geriet – und bald darauf starb. 70 Jahre später hat Lieselotte Rüppel das Schicksal ihres Bruders aufgeklärt.

Kassel. Als Lieselotte Rüppel den Brief der Deutschen Dienststelle aus Berlin im Postkasten fand, zitterten ihr die Hände. Im Umschlag könnte die Antwort auf jene Fragen stecken, die sie seit 70 Jahren beschäftigt: „Was ist in Russland nach dem 31. Dezember 1943 mit meinem Bruder Albert passiert?"

Geriet er als Soldat damals in Kriegsgefangenschaft? Oder starb er an der Front?

Ihr schossen die Tränen in die Augen, als sie die Antwort las. „Das Schicksal Ihres Bruders Albert Waschulewski konnte geklärt werden.“ Ein Ukrainer hatte erst jüngst eine Grabmeldung gemacht. Er hatte die sterblichen Überreste des ehemaligen Wehrmachtssoldaten Albert Waschulewski gefunden und auf dem Dorffriedhof in Dnjeprowka bei Nikopol – unweit der damaligen Frontlinie im Russlandkrieg – beigesetzt. Die geborgene Erkennungsmarke lässt keinen Zweifel zu: Es ist ihr Bruder.

Unzählige Briefe

Sieben Jahrzehnte wartete sie auf diese Nachricht. Sie hatte geforscht und recherchiert, Anfragen bei verschiedenen Suchdiensten gestellt, unzählige Briefe geschrieben, Telefonate geführt und am Ende auch mit Journalisten zusammengearbeitet. Meist kam wenig dabei heraus, doch blieb sie hartnäckig.

„Ich weiß noch, wie meine Eltern mit der Suche angefangen haben“, sagt die heute 86-Jährige. „Ihnen fühle ich mich bis heute verflichtet.“

Nur langsam kam Licht ins Dunkel. Ein Brief des DRK Suchdienstes aus dem Jahr 1977 bestätigte, dass ihr Bruder Albert im Zuge der deutschen Rückzugsgefechte am Fluß Dnjepr bei Nikopol nördlich des Schwarzen Meeres im Dezember 1943 in russische Kriegsgefangenschaft geraten sein muss. Weil sein Name aber in keiner Gefangenenliste auftaucht, muss er bald nach seiner Gefangennahme – vermutlich an Entkräftung oder an Verletzungen – gestorben sein. Wo aber genau, das blieb weiter unklar.

Nun hofft sie, wenigstens die nähren Umstände der Grabmeldung klären zu können. Denn noch ist völlig unklar, wann, wo und wie der Ukrainer ihren Bruder gefunden und anschließend wieder beigesetzt hat. Und vor allem: Warum er gerade jetzt den Fund der deutschen Dienststelle meldet.

Mit Unterstützung einer Nachbarin, die Ukrainisch beherrscht, will sie nun den Kontakt zu dem Ukrainer aus Dnjeprowka herstellen. Helfen will dabei auch ihr Sohn Henner Rüppel, der in Südhessen lebt. „Vielleicht gelingt es mir, das Grab noch einmal zu sehen“, sagt Lieselotte Rüppel.

Wichtig ist ihr aber auch die Begegnung mit den Menschen in Dnjeprowka – auch als Geste der Versöhnung. „Ich habe Hochachtung gegenüber den Menschen, die die sterblichen Überreste eines ehemaligen Wehrmachtsangehörigen in Würde und Respekt bestatten und ein unbekanntes Grab pflegen“, sagt Rüppel.

Von Boris Naumann

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