Bewährung für Diebestrio

Kleidung für über 8000 Euro gestohlen: Männer gehen als freie Menschen

Kassel. Am Morgen wurden die Angeklagten aus der Untersuchungshaft in den Gerichtssaal gebracht. Drei Stunden später verließen sie ihn als freie Menschen. Wegen Ladendiebstählen in großem Stil hatten die drei Männer aus Polen seit Anfang April hinter Gittern schmoren müssen.

Doch vor dem Amtsgericht kamen sie nun äußerst glimpflich davon: Die beiden Haupttäter - 25 und 36 Jahre alt - wurden am Dienstag zu Freiheitsstrafen von 14 Monaten verurteilt, ausgesetzt zur Bewährung. Und gegen einen 30-Jährigen erging sogar nur eine sechsmonatige Bewährungsstrafe: Er wurde als bloßer Helfer eingestuft.

In der Anklageschrift war das Trio noch als Bande bewertet worden: Allein um auf Beutezüge zu gehen, seien die Männer in die Bundesrepublik eingereist. Das aber ließ sich den Angeklagten, die ansonsten keinen Hehl aus ihren Taten machten, nicht nachweisen. Eigentlich seien sie zur Arbeitssuche nach Deutschland gekommen, beteuerten sie. Das mit den Diebstählen habe sich dann irgendwie spontan ergeben. „Wie das zustande gekommen ist, kann ich mir selbst nicht so richtig erklären“, sagte der 36-Jährige.

Und: Der Dritte im Bunde sei zunächst gar nicht eingeweiht gewesen, sollte auch am Erlös nicht beteiligt werden. „Als er gemerkt hat, was wir da machen, war er nicht so begeistert“, erzählte der 25-Jährige. Trotzdem widersprach der Mann nicht, als die Beute in seinem Wagen abtransportiert wurde. Und das war nicht gerade wenig: An zwei Tagen Anfang April hatten die Diebe acht Geschäfte in der Kasseler Innenstadt heimgesucht und Dutzende Kleidungsstücke im Gesamtwert von exakt 8193,88 Euro entwendet - von einfachen Jeans über teure Outdoor-Jacken bis zu kompletten Anzügen.

Die Sicherheitsetiketten tricksten sie dabei aus, indem sie präparierte Taschen verwendeten. Erst nachdem sie bei C&A beobachtet worden waren, flogen die Männer auf. Bergeweise Kleidung lagerten in ihrem Hotelzimmer und ihrem Auto. Zu klären, woher das Diebesgut stammte, sei sehr mühsam gewesen, berichtete ein Polizeibeamter. „Da bin ich bei den Ermittlungen an meine Grenze gestoßen.“ Zumal die Mithilfebereitschaft mancher Geschäfte nicht übermäßig groß gewesen sei. „Diebstähle sind bei denen in der Preismarge mit drin“, sagte der Polizist.

Aber auch vor Gericht wollte man es nicht allzu genau wissen. Wann die Angeklagten ihre Taschen präpariert hatten? Woher sie wussten, dass das klappt? Warum sie derart zielstrebig ausgerechnet Kassel ansteuerten? Dies wurde nicht erörtert. Immerhin vermittelt der Prozess eine Ahnung davon, warum die bislang nicht vorbestraften Männer der Verführung des schnellen Geldes nachgaben: Was in Deutschland die Outdoor-Jacke eines Markenherstellers kostet, dafür müssen sie in Polen als Informatiker oder Kfz-Mechaniker einen Monat lang arbeiten. (jft)

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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