Kasseler Politikwissenschaftler haben den Wandel des deutschen Gewerkschaftsmodells erforscht

Kleine Gewerkschaft, großes Gewicht

Co-Autor der Studie: Politikwissenschaftler Samuel Greef. Foto: privat

Kassel. Kleine Berufsgewerkschaften laufen großen Branchengewerkschaften zunehmend den Rang ab. Scheinbar mühelos ziehen Ärztegewerkschaft Marburger Bund, Pilotenvereinigung Cockpit und die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) mit hohen Lohnforderungen und großer Streikbereitschaft an IG Metall, Ver.di & Co vorbei. Den Wandel des deutschen Gewerkschaftsmodells, seine Ursachen und Hintergründe haben Politikwissenschaftler der Uni Kassel in einer Studie erforscht.

„Die etablierten Branchengewerkschaften des DGB haben seit jeher Integrationsdefizite gegenüber bestimmten Berufsgruppen“, sagt Samuel Greef, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachgebiet „Politisches System der BRD“. So seien beispielsweise Frauen und Angestellte lange Zeit nur „stiefmütterlich“ behandelt worden, erklärt der 29-jährige Co-Autor der Studie „Berufsgewerkschaften in der Offensive“. Der DGB habe sich lange am einseitigen Bild des männlichen Facharbeiters orientiert. Heute kehrten vor allem hoch qualifizierte Beschäftigte wie etwa Ärzte und Ingenieure den etablierten Branchengewerkschaften den Rücken. „Weil sie Angst haben, dass ihre Interessen untergehen und beruflichen Statusverlust befürchten, organisieren sie sich selbst“, sagt Greef.

So trennte sich der Marburger Bund als ehemaliger Berufsverband 2005 von Ver.di, wurde eigenständige Berufsgewerkschaft - und ist nach eigenen Angaben mit mehr als 100 000 Mitgliedern inzwischen die größte Ärztevereinigung Europas. „Während Ver.di bei Tarifverträgen alle Mitglieder berücksichtigen muss, kann dem Marburger Bund die Krankenschwester jetzt egal sein“, sagt Greef.

Doch nicht jeder Berufsverband hat das Zeug zur Berufsgewerkschaft. „Marburger Bund und GDL verfügen über einen hohen Organisationsgrad und Mitglieder in betrieblichen Schlüsselpositionen“, sagt der Politikwissenschaftler. Diese Voraussetzungen könnten aber nur wenige Verbände hierzulande erfüllen. Greef, der über die Transformation der Ärztegewerkschaft promoviert, geht davon aus, dass sich das Phänomen „Berufsgewerkschaft“ deshalb nicht beliebig ausweiten werde.

Laut Studie ist zwar keine Erosion des deutschen Gewerkschaftsmodells in Sicht, allerdings entwickelt sich ein neues Mischverhältnis im bislang streikärmsten Land Europas. „Branchengewerkschaften müssen neue Integrationsansätze entwickeln, um die Interessen ihrer Mitglieder besser aufnehmen und weiteren Abspaltungen entgegenwirken zu können“, sagt Greef. Hätten sich bereits Berufsgewerkschaften etabliert, sollten beide Seiten Möglichkeiten für Kooperationen suchen. „Im Berufsalltag arbeiten Ärzte und Krankenschwestern ja auch zusammen.“

„Berufsgewerkschaften in der Offensive“ von Wolfgang Schroeder, Viktoria Kalass und Samuel Greef, erschienen im Verlag für Sozialwissenschaften. Preis: 34,95 Euro. ISBN: 978-3-531-18203-2.

Von Sebastian Schaffner

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