„Kliniken tragen das Risiko“

Reform zulasten der Patienten: Kasseler Krankenhäuser schlagen Alarm

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Protest in der Mittagspause: Rund 250 Mitarbeiter des Klinikums (Foto) und etwa 90 am Marienkrankenhaus warnten vor einem Personalmangel an den Krankenhäusern. Dieser sei so weit fortgeschritten, dass es vor allem in den Nachtschichten immer häufiger zur Gefährdung von Patienten komme, sagte GNH-Betriebsratsvorsitzender Matthias Dippel (Mitte).

Kassel. Die Krankenhäuser auch in Kassel schlagen Alarm: Durch die geplante Krankenhausreform drohen den Kliniken Millionenverluste.

Das mahnten am Donnerstag gleich fünf Klinik-Chefs bei einer gemeinsamen Pressekonferenz im Kasseler Klinikum.

Sollte die Gesetzesvorlage durchkommen, würden dies auch Patienten massiv zu spüren bekommen. So befürchten die Krankenhausmanager, dass weitere kleinere Kliniken vor allem in ländlichen Gebieten in ihrer Existenz gefährdet werden. Und da leistungsfähige Krankenhäuser künftig noch mehr bestraft würden, wenn sich dort viele Patienten einer bestimmten Behandlung unterziehen, sei es künftig denkbar, dass Patienten mitunter lange Wartezeiten in Kauf nehmen müssen.

Solche Fälle kennen Patienten bereits aus vielen Facharztpraxen, wenn Behandlungen verschoben werden, weil das Budget des Arztes erschöpft ist. „Ich möchte nicht erleben, dass wir anfangen müssten, Patienten abzuweisen“, hielt die Geschäftsführerin der Vitos Orthopädischen Klinik Kassel, Regina Steenbeck-Schacht, ein mögliches Szenario vor Augen. Eine Situation wie Anfang des Jahres, als es wegen einer Infektionswelle nicht mehr genügend Betten für die Patienten gab, sei erst der Anfang einer Entwicklung gewesen, mahnte auch Klinikum-Chef Karsten Honsel.

„Es ist eine dramatische Situation für uns“, sagte der Vorstand der Gesundheit Nordhessen Holding (GNH), Karsten Honsel, bei einer Pressekonferenz im Klinikum. Die Vertreter von fünf Kasseler Krankenhäusern formulierten dabei ihre zentrale Kritik an der geplanten Krankenhausstrukturreform

Ein Beispiel: Der geplante Wegfall des Versorgungszuschlages ab Januar 2017 werde die vier GNH-Kliniken in Kassel, Wolfhagen, Hofgeismar und Arolsen 2,2 Mio. Euro kosten, rechnete Honsel vor. Das seien umgerechnet rund 40 Vollzeitkräfte. Das Pflegestellenförderprogramm bringe indes nicht die erhoffte Entlastung. Beim Klinikum würde dies lediglich sechs zusätzliche Pflegestellen ausmachen.

Im Konzert mit den anderen geplanten Maßnahmen ergebe sich für viele Krankenhäuser eher die Notwendigkeit, Personal zu reduzieren, mindestens aber die Fachkraftquote zu senken, gab auch die Krankenhausdirektorin des Elisabeth-Krankenhauses, Marieluise Labrie, zu bedenken.

Hielten die Folgen der geplanten Krankenhausreform vor Augen: Iris Uhlenhake (von links), Regina Steenbeck-Schacht, Karsten Honsel, Marieluise Labrie, Michael Schmidt und Birgit Dilchert (GNH).

Dabei böten die Krankenhäuser nicht nur eine qualitätsvolle und gute Medizin, sie hätten auch ihre Hausaufgaben gemacht und arbeiteten wirtschaftlich. Doch die Krankenhäuser müssten mit gesetzlich begrenzten Preisanpassungen auskommen, deren Zuwachs seit Jahren unter dem Kostenanstieg liegt. So werde der Anstieg der Sach- und Personalkosten, vor allem durch Tariferhöhungen, durch das neue Gesetz nicht refinanziert. Für eine kleinere Fachklinik wie die Vitos Orthopädische Klinik bedeute dies, dass pro Jahr vier bis fünf Mitarbeiterstellen abgebaut werden müssten, rechnete Geschäftsführerin Regina Steenbeck-Schacht vor.

„Wir können aber auf keine Mitarbeiterstunde verzichten“, unterstrich auch die Verwaltungsdirektorin der Paracelsus-Elena-Klinik, Iris Uhlenhake. Die Fixkosten der Krankenhäuser ließen sich nicht weiter reduzieren, denn allein der Personalkostenanteil liege bei den meisten Häusern deutlich über 50 Prozent.

Krankenhäuser, deren Behandlungen besonders stark gefragt werden, würden zudem genau dafür finanziell bestraft, sagte der Geschäftsführer des Marienkrankenhauses, Michael Schmidt. Denn wenn eine Klinik mehr Patienten behandelt, als mit den Krankenkassen verhandelt worden war, würden pro zusätzlich versorgtem Patienten nur die Hälfte der Behandlungskosten bezahlt. Und solche Abschläge seien künftig auf fünf Jahre festgeschrieben. Konkret bedeute dies: Ist das Budget-Limit an Punkten beziehungsweise Patienten erreicht, zahle die Krankenkasse nur noch die Hälfte. Bei einer Darmoperation, die eigentlich 3200 Euro kostet, dann eben nur noch 1600 Euro.

Den Patienten werde versprochen, dass sie alles an Versorgung bekommen, das Risiko für die Fallkosten trügen jedoch die Krankenhäuser, kritisierte Honsel.

Auch die Patienten würden den Strukturwandel zu spüren bekommen, wenn sie künftig eventuell monatelang auf einen Operationstermin warten müssten.

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