Auch Tetra Pak wurde gestest

Klinikum Kassel: Wasser gibt es nur noch in Plastikflaschen - Kritik an Müllflut

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So wird das Wasser serviert: Essenstablett im Klinikum mit Einwegflaschen aus Plastik.

Patienten am Klinikum Kassel bekommen Wasser nur noch in Wegwerfflaschen aus Plastik statt in Mehrwegbehältern. Ist das noch zeitgemäß in Zeiten, in denen alle auf die Umwelt achten?

Kassel - Im Kasseler Klinikum gibt es für Patienten seit November Wasser aus Einwegplastikflaschen statt aus Glas-Pfandbehältern. In Zeiten, in denen immer mehr Menschen darauf achten, Plastikmüll zu vermeiden, sorgt das für Unmut.

Mit der Umstellung will das Klinikum die Logistik verbessern, Reste vermeiden und vor allem den Arbeitsaufwand für die Pflegekräfte erleichtern, wie Sprecherin Inga Eisel sagt. Die müssen nun keine schweren Wasserkisten mehr schleppen.

Begründung: 0,7-Liter-Glasflaschen wurden oft nicht ausgetrunken

Von den 0,7-Liter-Glasflaschen seien viele nur „angetrunken“ worden. Darum werden seit der Einführung eines neuen Speisenverteilsystems 0,5-Liter-Einwegbehälter auf Tabletts verteilt. Zunächst hatten die Pflegekräfte stilles Wasser in Tetra-Pak-Behältern ausgegeben. Weil viele Patienten jedoch Mineralwasser mit Kohlensäure bevorzugten, gibt es nun im gesamten Klinikum eine Erprobungsphase mit Einwegplastikflaschen. Andere Krankenhäuser der Gesundheit Nordhessen Holding (GNH) sind nicht betroffen.

Von Glas auf Plastik - Kritiker haben kein Verständnis

Kritiker wie der ehemalige Grünen-Stadtverordnete Iring von Buttlar haben für die Umstellung kein Verständnis. Der ehemalige Studienrat hatte uns nach einem Besuch im Klinikum auf die Umstellung aufmerksam gemacht, wo laut GNH jährlich 300.000 Liter Trinkwasser in Flaschen ausgegeben werden. „Man muss nicht Greta heißen, um 600.000 geschredderte Flaschen pro Jahr als unökonomische Offenbarung zu bezeichnen“, sagt der 66-Jährige.

Im Umweltausschuss hatte von Buttlar vor 25 Jahren einen Beschluss mitverfasst, nach dem die Stadt in Beteiligungsgesellschaften wie dem Klinikum darauf hinwirken soll, Einwegverpackungen zu vermeiden.

Bei Greenpeace Kassel sieht man die Umstellung ebenfalls kritisch

 „Angesichts des wachsenden Plastikproblems ist der Verzicht auf sämtliches Einwegplastik unvermeidlich“, sagt Alexander Büttner. Auch das Umweltbundesamt empfiehlt Mehrwegflaschen aus PET oder Glas. Laut Studien fällt deren Ökobilanz deutlich besser aus als die von Einwegplastikflaschen.

Plastik oder Glas: Was ist besser?

Auf das Kasseler Klinikum lässt Iring von Buttlar nichts kommen. Der ehemalige Grünen-Stadtverordnete schätzt die Mitarbeiter und ist überzeugt, dass das größte nordhessische Krankenhaus in vielen Bereichen zur bundesweiten Spitze zählt. Gerade deshalb ist dem pensionierten Studienrat die jüngste Umstellung bei der Wasserversorgung sauer aufgestoßen.

Als eines seiner Drillinge vor Kurzem im Klinikum behandelt wurde, sah er keine Pfandflaschen aus Glas mehr, sondern Tetra Paks und Einwegflaschen aus Plastik. Auf Letztere gibt es zwar auch Pfand, aber sie werden im Automaten zerknüllt und anschließend mehr oder weniger aufwendig recycelt. Laut Umfragen kennt die Hälfte der Deutschen nicht den Unterschied zwischen diesen Flaschen und PET-Behältern, die wiederverwertet werden.

Für von Buttlar macht das neue System, das seit November getestet wird, keinen Sinn. Er hat Pflegekräfte beobachtet, die die Einwegflaschen wieder aus dem Müll holen müssen, weil viele Patienten nichts wissen vom Pfand. „Warum vom überall üblichen und bewährten Bring-Hol-System von Glasflaschen abgewichen wurde, ist nicht nachvollziehbar“, findet der 66-Jährige.

Auch die Ökobilanzen der Verpackungen sprechen gegen die Umstellung:

  • Glas-Mehrweg: Diese Flaschen können laut Umweltbundesamt bis zu 50 Mal wieder befüllt werden, mehr als alle Konkurrenten. Allerdings wird wegen ihres hohen Gewichts beim Transport mehr Energie verbraucht.
  • PET-Mehrweg: Sie kann zwar nur bis zu 25 Mal wieder verwertet werden, aber dafür wiegt sie viel weniger. Sämtliche Studien bescheinigen ihr daher die beste Ökobilanz.
  • PET-Einweg: Wegen des enormen Rohstoffverbrauchs und des vielen Abfalls schneidet Wegwerfplastik am schlechtesten ab – auch wenn 97,9 Prozent der PET-Flaschen recycelt werden und die Herstellung effizienter geworden ist. Ihr Anteil am Gesamtmarkt ist zuletzt immer weiter gestiegen. 2016 lag er bei 52,5 Prozent Marktanteil gegenüber 29,2 Prozent Mehrweg-Glas.

Das Umweltbundesamt urteilt: „Getränke in Mehrwegflaschen sind am umweltfreundlichsten.“ Zugleich werden regionale Anbieter empfohlen. Die Ökobilanz der unterschiedlichen Getränkeverpackungen verschlechtert sich vor allem durch lange Transportwege. Das ist auch ein Nachteil von Einwegpackungen, die Discounter wie Aldi und Lidl bundesweit abfüllen lassen.

Das weiß man auch beim Klinikum, wo es nun Wasser aus Rinteln im Weserbergland gibt. Derzeit spreche man mit lokalen Lieferanten, um „eine ortsnahe Abfüllung sicherzustellen“, sagt Sprecherin Inga Eisel. 

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