Literaturnobelpreisträgerin Alexijewitsch war 1998 in Kassel

Klug und bescheiden

Swetlana Alexijewitsch bekommt den Literaturnobelpreis 2015. Archivfoto: nh

Kassel. Ein ernstes und nachdenkliches Buch war der Auslöser dafür, dass die heutige 67-jährige Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch aus Weißrussland im Dezember 1998 zu einer Lesung zu Gast in Kassel war.

Mit ihrem Buch „Tschernobyl - Eine Chronik der Zukunft“, in dem sie den Menschen aus der verstrahlten Todeszone um den havarierten Atommeiler in der Ukraine eine Stimme verleiht, hatte sie die Aufmerksamkeit des Kasseler Vereins „Frauen nach Tschernobyl“ geweckt. „Uns war nach der Lektüre des Buchs schnell klar, dass wir die Autorin einladen wollen“, sagt Erika Mohs vom Vorstand des damaligen Vereins.

Über den deutschen Verlag von Swetlana Alexijewitsch, den Berlin-Verlag, war schnell ein Kontakt hergestellt und ein Datum für eine Lesung mit anschließender Diskussion ausgemacht: der 10. Dezember 1998.

Als Mitveranstalter holte der Tschernobyl-Verein das Evangelische Forum, den Buchhändler Michael Vecke von der damaligen Buchhandlung Vaternahm am Rathaus sowie den Presseclub Kassel mit ins Boot. Keiner zögerte auch nur eine Minute, sich an der Einladung und am Honorar von umgerechnet 350 Euro zu beteiligen.

„Das Erlebnis der Tschernobyl-Katastrophe ist, wofür wir noch kein System von Vorstellungen, noch keine Analogien oder Erfahrungen haben“, schreibt sie. Aus dem intensiven Buch las damals ehrenamtlich die Kasseler Schauspielerin Sabine Wackernagel. Eine anschließende Diskussion mit der Autorin wurde übersetzt. Ihre signierten Bücher waren in Nullkommanichts an den Mann und an die Frau gebracht.

„Es war eine wunderbare Begegnung mit einer klugen, herzlichen und bescheidenen Frau“, erinnert sich Erika Mohs, die die heutige Literaturnobelpreisträgerin damals in ihrem Haus in Bad Wilhelmshöhe beherbergte. „Ich erinnere mich mit warmen Gefühlen an unser Treffen und die Herberge in deinem liebenswerten Haus“, schreibt Alexijewitsch an Erika Mohs, als sie wieder zu Hause in Weißrussland ist.

Dem Kasseler Verein, der unter anderem weißrussische Kinder aus dem verstrahlten Gebiet zu Erholungsaufenthalten in Nordhessen einlud, spendete sie später einen größeren Geldbetrag.

Von Christina Hein

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