Landgericht verhandelt über Messerstecherei im Tannenwäldchen

Kassel. Die ausgebleichte Jeans will der 22-jährige Angeklagte auch am Tattag getragen haben. Am Dienstagmorgen präsentiert er sie kurzzeitig auf der Anklagebank im Kasseler Landgericht, um zu zeigen, wo in dieser Hose er im April 2010 ein Steakmesser transportierte.

Nur zum eigenen Schutz habe er das getan, sagt er. Man könne ja nicht ausschließen, dass „der Hase andersherum läuft“.

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Dass er damals absichtlich im Tannenwäldchen im Vorderen Westen auf einen 17-Jährigen Kasseler einstach, dem er eine größere Menge Marihuana abnehmen wollte, streitet der Angeklagte ab. Genau das aber wirft ihm die Anklageschrift vor.

Das Opfer muss dem Gericht am Dienstag mehrfach seine Narben vorführen. Damals im April wurde er notoperiert. Der Stich zwischen Rippen- und Lungenfell hätte auf Dauer die Lunge kollabieren lassen, die Verletzung der Niere war ebenfalls lebensgefährlich, konstatiert Rechtsmediziner Reinhard Dettmeyer in der Verhandlung: „Ohne ärztliche Behandlung wäre der Tod hundertprozentig eingetreten.“

Der Angeklagte gesteht viel: Dass ein Freund den 17-Jährigen anrief, um bei ihm für 300 oder 500 Euro Marihuana zu bestellen. Auch dass sie beide nicht vorhatten für die Drogen zu bezahlen. Dass er dem 17-Jährigen einen Faustschlag auf die Nase versetze, um die Ware behalten zu können.

Von den Messerwunden aber will er erst aus der Zeitung erfahren haben. „Ich saß jetzt sechs Monate in Untersuchungshaft und habe jeden Tag darüber nachgedacht“, sagt er. Er könne sich das noch immer nicht erklären. Der Jugendliche müsse sich an der Waffe in seiner Hose verletzt haben, als sie im Gerangel verhakt einen Abhang hinunter rollten, erklärt er zunächst. Später ändert er seine Aussage: Er habe das Messer im Rollen aus der Hose gezogen um sich nicht selbst zu verletzen. Ein Zustechen bestreitet er weiter.

Das Opfer, das als Nebenkläger am Prozess teilnimmt, wird als Zeuge gehört. Er selbst habe zunächst nicht gewusst, dass auf ihn eingestochen wurde, sagt er. Das Gefühl sei mehr das eines Schlages gewesen. Am Fuße des Hügels habe der 22-Jährige ihn angeschrien: „Lass mich los, sonst stech ich dich ab.“ Das habe er dann getan. „Ich wusste, das etwas nicht stimmt und das ich so schnell nach Hause muss wie möglich.“ Der Angeklagte sah ihn rennen.

Für Rechtsmediziner Dettmeyer ist das keine Überraschung. Die Verletzungen hätten dies zunächst noch zugelassen. Auch spürten Opfer von Messerstichen häufig nicht sofort Schmerzen. Die vom Angeklagten vorgetragenen Varianten einer Stichverletzung durch Überrollen hält Dettmeyer aber nicht für plausibel.

Der Angeklagte muss sich für zwei weitere Taten verantworten. Das Führen einer Schreckschusspistole ohne nötige Erlaubnis räumte er am Montag ein. Dass er einen jungen Mann in der Nordstadt mit einer Eisenstange bedroht und verletzt habe, um Wertsachen von ihm zu erlangen, bestreitet er jedoch komplett.

Von Katja Schmidt

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