Messerstiche im Bordell:  24-Jährige vor dem Landgericht Kassel 

Kassel. Auf der Anklagebank sitzt eine unauffällige junge Frau. Klein und schlank, die dunklen Haare zum Zopf gebunden, das Gesicht beherrscht von einer großen Brille.

Ein Typ, mit dem Casting-Agenturen die Rolle einer fleißigen Studentin besetzen würden. Doch die 24-Jährige ging in Kassel nicht zur Uni, sondern auf den Strich. Und vor dem Landgericht muss sie sich seit gestern verantworten, weil sie im Juli 2010 einen Kneipenbekannten mit 13 Messerstichen getötet haben soll.

Aktualisiert um 20.55 Uhr

Prostituierte und Totschlägerin: Es fällt schwer zu entscheiden, was davon weniger zu dem Bild passt, das die Angeklagte bietet. Herauszufinden, ob und wie es vielleicht doch passt, ist nun Aufgabe der Schwurgerichtskammer. Beim Prozessauftakt endete die Suche nach der Wahrheit aber bereits nach dem Verlesen der Anklageschrift.

Weil Psychiater Georg Stolpmann, der die Schuldfähigkeit der Angeklagten beurteilen soll, gestern fehlte, musste die Aussage der 24-Jährigen auf den nächsten Verhandlungstag am Donnerstag verschoben werden.

Zumindest mit einem Teilgeständnis aber dürfte dann zu rechnen sein. „Die Erinnerung meiner Mandantin ist erheblich getrübt“, sagte Verteidiger Peter Gros am Rande der Verhandlung. Denn bevor es zu den tödlichen Stichen kam, soll sich die Angeklagte mit ihrem späteren Opfer in ihrer Wohnung betrunken haben. Rund zwei Promille Alkohol hatte sie laut Staatsanwaltschaft im Blut. „Sie erinnert sich nur an einen Stich“, erklärte der Verteidiger.

Und zugestochen habe sie aus Angst um ihr Leben. „Ganz offensichtlich wollte der Getötete meine Mandantin vergewaltigen.“ Zumindest Letzteres steht so ähnlich auch in der Anklage: Demnach war der 26-Jährige, den die Frau zuvor vor einer Bar in der Kasseler Innenstadt kennengelernt und mit nach Hause genommen hatte, plötzlich zudringlich geworden. Hatte seine Hose geöffnet und die 24-Jährige mit einem Taschenmesser bedroht.

Die Angeklagte, sagte Staatsanwalt Lars Bölter, habe ihm das Messer daraufhin entwinden können und ihrerseits zugestochen. Erst in den Hals und dann, als er blutüberströmt durch die Wohnung gekrochen sei, mehrfach in Schulter und Brust. Und schließlich habe sie ihm auch noch die fast 20 Zentimeter lange Klinge eines Küchenmessers in den Hals gerammt, sei geflüchtet und habe den Sterbenden allein in der Wohnung zurückgelassen. Der Tatort ist eine einschlägige Adresse im Rotlichtgewerbe: Die Angeklagte lebte in einem sogenannten Laufhaus, wo Prostituierte ihre Dienste anbieten.

 Dennoch soll der Getötete weder ihr Freier noch ihr Zuhälter gewesen sein. „Das war eine Zufallsbekanntschaft“, betonte Rechtsanwalt Gros. Für den Prozess sind sieben weitere Verhandlungstage angesetzt. Das Urteil ist für den 1. April geplant.

Von Joachim F. Tornau

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