Ramadan: Eine muslimische Familie feiert das gemeinsame Fastenbrechen

Kochen mit leerem Magen

Gemeinsam das Essen bereiten: Die Nachbarinnen und Freundinnen Feride Karaköse (links) und Gülüzar Kaban wechseln sich damit ab, ihre Familien während der Fastenzeit, die in diesem Jahr bis zum 29. August dauert, zum Abendessen einzuladen. Foto: Dietzel

Kassel. Seit 15 Stunden hat sie nichts gegessen, nichts getrunken. Jetzt steht Gülüzar Kaban in ihrer Küche vor dem Herd, auf dem Bohnensuppe dampft und Reis köchelt. Im Ofen gart Lammfleisch in einer Glasschale neben Kartoffeln und Paprika. Es duftet nach scharf Gewürztem. Acht Uhr am Abend zeigt die Wanduhr an, eine Stunde dauert es noch, bis die Nacht beginnt, bis Gülüzar Kaban etwas essen darf. Denn es ist der Fastenmonat Ramadan.

Gülüzar Kaban stammt aus der Türkei und lebt mit ihrer Familie seit 1986 in Kassel. Die 48-Jährige hat heute die Nachbarn eingeladen, ebenfalls eine muslimische Familie. Neun Gäste nehmen Platz an dem liebevoll gedeckten Küchentisch mit weißer Tischdecke, rosa verziertem Geschirr, Schälchen voller Trockenobst und eingekochten Pflaumen.

20.59 Uhr. Es ist so weit. Laut dem islamischen Mondkalender darf das Fasten jetzt gebrochen werden. Gülüzar Kabans Ehemann Ali schenkt allen Mineralwasser, Cola oder Mezzo Mix ein. Ihre Nachbarin Feride Karaköse macht Platz für Töpfe, Pfannen und Schüsseln. Sie schiebt Gläser dichter zusammen, damit alles auf den Tisch passt. Ein reiches Abendessen steht bereit: Salat, Fladenbrot, Weißkohlröllchen mit Gehacktem und Zwiebeln sowie Börek, eine Teigspezialität, gefüllt mit Spinat und Käse.

Herzhaftes und Süßes

Die Gäste beten, jeder für sich im Stillen. Dann schlemmen sie einen Gang nach dem anderen, abwechselnd Herzhaftes und Süßes. Erst wenn alle anderen mit Vorspeise und Hauptgericht versorgt sind, kommt Gülüzar Kaban dazu, etwas zu essen.

Am Vorabend hat sie mit Schnippeln und Kochen begonnen, am Morgen ging es weiter. „Das habe ich ohne zu essen durchgehalten, weil ich heute nicht zur Arbeit musste“, sagt sie. Zweimal pro Woche ist Gülüzar Kaban im Kulturzentrum Schlachthof bei dem Projekt Aktive Eltern für interkulturelle Familienbildung in der Vorschulförderung tätig. Dann fastet sie nicht, denn sie hat eine Blutkrankheit. Im Ramadan sollen Muslime nur auf Nahrung verzichten, wenn sie gesund sind und sich gut fühlen.

29 Tage dauert der Fastenmonat. Wenn Gülüzar Kaban einmal nicht fastet, holt sie es an einem anderen Tag nach. „Im Ramadan sollen wir uns besinnen und uns um unsere Nachbarn kümmern“, sagt sie. „Die ersten zwei Tage sind hart. Man ist hungrig, durstig und fühlt sich schlapp.“ Danach sei Fasten kein Problem.

Die Familie hat stets Essen im Haus. „Es könnte ja jederzeit jemand vorbeikommen“, sagt Ali Kaban. Auch heute bleibt viel übrig. „Das essen wir im Laufe der Nacht“, erklärt er. Schließlich müssen Ali und Gülüzar Kaban und ihre drei Söhne auftanken, bevor sie nach der Morgendämmerung nichts mehr zu sich nehmen. Doch jetzt geht es erst mal ins Wohnzimmer, wo Gülüzar Kaban Schwarztee reicht und Baklava, Gebäck aus Blätterteig mit Pistazien.

Von Stefanie Dietzel

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