Konkurrenz im Onlinehandel zu stark

Hier kauften Generationen: In der Jeans-Etage ist jetzt tote Hose

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Seit den 1970er-Jahren Kult: Levi Strauss gilt als einer der Erfindet der Jeans. Das Modell Levi's 501 zählt zu den bekanntesten und meistgetragenen Jeans weltweit.  

Wer früher in Kassel eine Jeans kaufen wollte, für den gab es vor allem zwei Adressen: „Jeans am Kirchweg“ und die Jeans-Etage in der Oberen Königsstraße. Beide Geschäfte waren im Besitz der Familie Weber. Jetzt sind die Läden Geschichte.

„Der neue Standort an der Treppenstraße hat uns das Genick gebrochen“, sagt Gina Weber. Die 38-Jährige hatte 2008 nach dem Tod ihres Vaters Peter die Jeans-Läden im Kasseler Stadtteil Vorderer Westen und an der Oberen Königstraße übernommen. Jetzt schließt sie „Jeans am Kirchweg“ und die Jeans-Etage nach über 40 Jahren.

1979 hatte ihr Vater die Jeans-Etage an der Oberen Königstraße über der Douglas-Filiale eröffnet. „2012 mussten wir dort ausziehen“, sagt sie. In den Räumlichkeiten über der Parfümeriekette sei ein Wellnessbereich geplant gewesen, der aber nie umgesetzt worden sei.

„Mein Vater war einer der ersten, der in Kassel Jeans in so vielen Größen und Ausführungen verkauft hat“, erzählt Weber. Gerade in den späten 1970er-Jahren, als die Schlaghosen besonders populär waren, kamen zahlreiche Kunden in die Läden der Webers. „Mein Vater hat da auch mal verrückte Sachen gemacht, einen DJ eingeladen und eine Party veranstaltet“, erinnert sie sich.

„Mein Vater war einer der ersten, der in Kassel Jeans in vielen Größen und Ausführungen verkauft hat.“

Gina Weber

Aber dass die Textilbranche besonders schnelllebig ist, weiß Weber aus jahrelanger Erfahrung. „Dann sind mal ein, zwei Jahre Cowboystiefel besonders gefragt und danach will sie kein Mensch mehr“, sagt sie. Mit Jeans sei es zwar etwas anders, weil sich dort eher Schnitt und Farben verändern und das Kleidungsstück kaum aus der Mode komme. Es sei schon in den letzten Jahren so gewesen, dass die Jeans-Etage durch ihre zentrale Lage das Geschäft im Vorderen Westen mitfinanziert hätte. Nachdem Umzug an der Treppenstraße seien aber auch die Umsätze dort eingebrochen. Früher hätte ihr Vater auch noch mehrere Läden im Umland betrieben, die habe er aber schon Ende der 1990er-Jahre geschlossen.

Das Überleben als Einzelhändler sei schwierig. Was sich auch daran zeige, das zahlreiche inhabergeführte Geschäfte in der Innenstadt in den vergangenen Jahren geschlossen haben, wie Loose oder Heinsius & Sander. Die Konkurrenz durch den Onlinehandel sei vielfach zu groß. 

Seit 1979 auch an der Oberen Königstraße: In zentraler Lage direkt in der Fußgängerzone eröffneten die Brüder Peter und Walter Weber die Jeans-Etage.

„Ich bin in den Läden aufgewachsen“, sagt Weber, "deshalb stimmt es mich besonders traurig. Meine Oma hat im Familienbetrieb noch die Hosen gekürzt, bis sie 80 war. Ich sehe sie immer noch an der Nähmaschine sitzen.“

Aber sie blickt nach vorn: „Wir hatten über 40 schöne Jahre und wenn man dann merkt, es geht nicht mehr, dann muss man eben einen Schlussstrich ziehen." Sie habe bis zuletzt gehofft, auch weil viele Kunden die Schließung bedauern würden, aber es sei jetzt einfach finanziell nicht mehr möglich. Gerade die Lage im Vorderen Westen sei für ein Textilgeschäft nicht einfach. Außerdem sei es schwierig im Wohngebiet rund um die Herkulesstraße einen Parkplatz zu finden. 

Das Geschäft in der Herkulesstraße ist bereits leer geräumt. Was die zukünftige Nutzung angeht, gab es bereits mehrere Interessenten. Konkret steht noch nichts fest. Die über 300 Quadratmeter große Fläche auf zwei Etagen wäre vielleicht auch was für eine Kindertagesstätte oder ein Hort, meint Weber.

Der Ausverkauf in der Jeans-Etage soll Ende dieser Woche starten. Ende April ist dann Schluss.

Bereits geschlossen: Das Stammgeschäft, das 1976 in der Herkulesstraße eröffnet wurde, hat Gina Weber bereits leer geräumt.

Die Geschichte der Jeans

Nach der Erfindung der Jeans durch Levi Strauss 1847 verbreitete sich die Arbeitshose schnell in Nordamerika bei Cowboys, Farmern, Eisenbahnleuten, Handwerkern und Schwerarbeitern. 

In der Nachkriegszeit - seit etwa 1955 - verbreiteten sich die nach Kriegsende überschüssigen Armeejeansbestände in Westeuropa und wurden von den jungen Leuten als Abgrenzungs- und Protestelement getragen. 

Oben schmal, unten weit: Das war Trend in den 70ern.

Zu Beginn der 1970er-Jahre erreichten die Schlagjeans ihren Höhepunkt. Die Jeans wurde in Europa von der Arbeits- und Freizeithose zum Alltagsobjekt. Damit einher ging auch eine Stilvielfalt. Es gab Cordhosen, dünnere und dickere Stoffe oder auch gestreifte Jeans. 

Eine weitere Besonderheit der 1980er-Jahre sind spezielle Damenjeans mit sehr hoch sitzendem Bund und zugleich engem Schnitt am Unterkörper. 

In den 1990er-Jahren verschwanden enge Röhrenjeans nach und nach aus der Öffentlichkeit und vom Markt. Der Modetrend ging stattdessen zu weit geschnittenen Modellen unter Bezeichnungen wie Baggy Jeans oder Skater Jeans. Auch die Schlaghose kam wieder in Mode. Hosen mit geradem Bein wurden am Saum aufgetrennt und mit Stoffeinlagen zur Schlaghose umgenäht.

Um das Jahr 2000 waren dann Röhrenjeans, die auf Hüfte geschnitten waren, gefragt. 

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