Interview: Teenager über den Alltag in Coronazeiten

„Wir können unsere Jugend nicht auskosten“

Vier Schüler der Kasseler Albert-Schweitzer-Schule treffen sich vor der Orangerie für ein Foto. Zu sehen sind Maximilian Schäfer (von links), Leonie Schäfer, Antonia Asmus und Gioia Pflüger.
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Fototermin in der Karlsaue: Maximilian Schäfer (von links), Leonie Schäfer, Antonia Asmus und Gioia Pflüger sind Schüler der Kasseler Albert-Schweitzer-Schule.

Wie erleben Jugendliche die Pandemie? Im HNA-Interview berichten vier Teenager von Eintönigkeit, schwindender Motivation und dem Gefühl, in der Luft zu hängen.

Wie geht es Schülern und Jugendlichen in dieser Pandemie? Es wird diskutiert über Präsenz- und Distanzunterricht, über Öffnungen und Tests – wer dabei selten zu Wort kommt, sind die Betroffenen selbst. Stellvertretend für diese Generation haben wir via Zoom mit vier Schülern der Kasseler Albert-Schweitzer-Schule (ASS) gesprochen. Gioia Pflüger ist 14 Jahre alt und geht in die achte, Antonia Asmus (16) und Leonie Schäfer (15) besuchen die zehnte Klasse, und Leonies Bruder Maximilian gehört der Jahrgangsstufe 13 an.

Sie waren einverstanden, geduzt zu werden.

In wenigen Tagen beginnen die Osterferien. Das ist doch ein Grund zur Freude, oder?

Leonie: Ein bisschen freue ich mich schon. Allerdings bin ich unsicher, was ich dann mache. Ohne Schule bleibt der Vormittag leer, es gibt keine Aufgaben. Vieles, was wir früher in den Ferien gemacht haben, geht halt nicht.

Antonia: Im Grunde ändert sich nichts. Das Zuhause ist inzwischen zur zweiten Schule geworden. Ich werde vermutlich etwas Unterrichtsstoff nacharbeiten.

Gioia: Das Zoomen mit meinen Klassenkameraden wird mir fehlen, die Struktur am Vormittag auch. Für mich sind die Ferien kein Grund, mich zu freuen.

Max: Für mich erst recht nicht. Ich muss fürs Abi lernen. Und die Vorstellung, keinen Ausgleich haben zu können, nervt extrem.

Mal abgesehen von Schule – wie sieht euer Alltag in dieser Zeit aus?

Leonie: Manchmal gehe ich mit meiner Mutter einkaufen, manchmal helfe ich meinen Großeltern, ansonsten mache ich nicht viel – diese Zeit ist sehr eintönig.

Gioia: Was willst du außer Schule schon machen? Seit Monaten läuft jeder Tag gleich ab.

Gibt es nicht wenigstens einen Lichtblick?

Antonia: Doch schon, ich habe ein Pflegepferd, mit dem ich viel Zeit verbringe. Da komme ich mal raus. Ich versuche, die Tage immer mal anders zu strukturieren. Aber es ist normal geworden, ohne Highlights zu leben. Ich habe mich damit abgefunden.

Max: Ab und an kommt mal ein Kumpel vorbei. Das war’s dann aber schon.

Gioia: Ich bin viel bei Netflix und schaue mir Serien an.

Max: Ich auch.

Leonie: Ich auch.

Antonia: Ich auch.

Max, nach den Ferien geht es mit den Abiprüfungen los. Wie frustrierend ist es zu wissen, dass eine große Sause danach nicht möglich sein wird?

Wir lassen uns die Hoffnung nicht nehmen. Der Abiball wäre ja erst im Sommer. Für große Feiern zum Beispiel fehlt ohnehin Geld, das sonst durch Vor-Abi-Feten reingekommen ist. Mehr als zwölf Jahre hast du auf diesen Moment hingearbeitet, hast dir ausgemalt, wie du mit deinen Freunden das Abi feierst. Ich bin gerade 18 geworden. Das sollte eigentlich die beste Zeit sein mit Partys und allem. Das alles ist sehr ernüchternd. Und es ist nicht gerade motivierend fürs Lernen.

Leonie, Antonia, Gioia, ihr befindet euch seit Mitte Dezember im Distanzunterricht – wie sieht es da mit der Motivation aus?

Gioia: Ich kann nur sagen, dass man in der Schule den Unterrichtsstoff besser lernt. Außerdem vermisse ich meine Freunde, mit ihnen in der Pause zu quatschen, auch mal über andere Dinge als Schule. Zoom und Whatsapp können den persönlichen Austausch nicht ersetzen. Und je länger der Online-Unterricht dauert, desto mehr nimmt die Motivation ab.

Leonie: Wir stecken seit mehr als drei Monaten in einem Lockdown, der eigentlich nur zwei Wochen dauern sollte. Mir fehlt ein Blick in die Zukunft: Wann ist das alles zu Ende? Die Unsicherheiten, was Testen und Impfen anbelangt, machen die Lage auch nicht gerade besser.

Max: Mir fehlt eine Perspektive. Keiner weiß genau, wie das Abi geschrieben wird. Aber es geht nicht nur um die Schule. Unsere Generation hängt in der Luft. Was nach dem Abi passiert – keine Ahnung. Normalerweise halte ich nichts davon zu sagen, die Politiker würden alles falsch machen. Aber es werden nur Maßnahmen verschärft und dann zurückgenommen. Wir benutzen die gleichen Werkzeuge wie vor einem Jahr. Ich bin komplett enttäuscht.

Die anderen auch?

Antonia: Ich bin 16 geworden, ich sehe auch kein Ende der Pandemie. Was ich so bitter finde: Wir können unsere Jugend nicht auskosten. Diese Zeit können wir nicht nachholen. Und dann musst du am vergangenen Wochenende mit ansehen, wie 20 000 Menschen rücksichtslos durch die Stadt ziehen. Das macht mich wütend.

Wäre es besser gewesen, die Schulen noch vor den Osterferien zu öffnen, wie es die Landesregierung zuerst angedacht hatte?

Leonie: Die Gesundheit steht auf dem Spiel. Ich hätte mich sehr unwohl gefühlt, wenn ich unter diesen Bedingungen in die Schule hätte gehen müssen. Erst wenn es mit den Schnelltests läuft, sollte über weitere Öffnungen nachgedacht werden.

Antonia: Wenn wir zu früh wieder in die Schulen kommen, werden die Zahlen steigen, und dann zieht sich das alles noch länger hin.

Max: Solange die Politik beim Impfen und Testen versagt, sind Schließungen der einzige Weg.

Gioia: Leider ist das so. Und mich ärgert es ungemein, wenn Leute bei Instagram Fotos posten, auf denen sie mit mehr als zehn anderen zu sehen sind – ohne Masken, dicht an dicht. Wie ignorant kann man sein?

Ärzte schlagen Alarm, dass die Pandemie gerade bei Jugendlichen seelische Probleme hervorrufen könne. Stellt ihr bei euch eine gewisse Antriebslosigkeit fest?

Antonia: Ich würde nicht von einer Depression sprechen. Aber die Situation zieht mich schon sehr runter. Anfangs war der Online-Unterricht noch spannend, das war cool. Inzwischen nicht mehr.

Max: Ich finde die Situation sehr belastend und traurig. Leute, die du seit Jahren siehst, kannst du aktuell nicht treffen, und nächstes Jahr siehst du viele vielleicht gar nicht mehr.

Gioia: Meine älteren Geschwister sind schon ausgezogen, meine Eltern sind an der Arbeit, ich habe mich daran gewöhnt, allein zu sein. Was nicht heißen soll, dass ich mich jetzt besser fühle als vor Corona. Das Gegenteil ist der Fall. Die Situation ist schon belastend. (Robin Lipke)

Zu den Personen:

Maximilian Schäfer (18) ist in Kassel geboren und aufgewachsen. Seine Familie lebt in Bettenhausen. Er macht nach den Osterferien Abitur. Seine Leistungsfächer sind Politik/Wirtschaft und Biologie. Er engagiert sich im Ortsbeirat und in der Jungen Union.

Leonie Schäfer (15) ist die Schwester von Max. Auch sie besucht die Albert-Schweitzer-Schule (ASS). Die Zehntklässlerin mag die Fächer Politik/Wirtschaft und Französisch. Sie schwimmt gern und spielt Handball.

Antonia Asmus (16) lebt mit ihrer Familie in Harleshausen, sie ist in Kassel geboren. Sie mag die Fächer Geschichte und Französisch. Sie reitet und tanzt gern.

Gioia Pflüger (14) lebt mit ihrer Familie in Ahnatal. Sie besucht ebenfalls die ASS, ihre Lieblingsfächer sind Bio und Englisch. Sie spielt Tennis.

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