Kraftwerkschefin nennt Ziel „ambitioniert“

Kohleausstieg bis 2025 tatsächlich machbar?

Der Umbau läuft: In vier Jahren sollen im Kraftwerk Kassel an der Dennhäuser Straße ausschließlich Klärschlamm und Altholz verbrannt werden. Archivfoto: Pia Malmus
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Der Umbau läuft: In vier Jahren sollen im Kraftwerk Kassel an der Dennhäuser Straße ausschließlich Klärschlamm und Altholz verbrannt werden. Archivfoto: Pia Malmus

Bis Ende 2025 soll das Kraftwerk Kassel ohne Kohle laufen. Wenn es nach Initiativen wie „Kassel kohlefrei“ geht, ist das Datum ein Minimalziel. Aus Sicht der Geschäftsführerin der Städtische Werke Energie und Wärme GmbH und Kraftwerksleiterin Gudrun Stieglitz handelt es sich um einen „sehr ambitionierten Plan“, der sich aus technischen Gründen nicht – wie von manchen gefordert – früher umsetzen lasse.

Kassel - Wegen zuletzt aufgetretenen Lieferengpässen bei der Technik, die zur Umrüstung des Kraftwerks nötig ist, sei dieses Ziel nur noch zu erreichen, wenn alles reibungslos laufe. Wir geben einen Überblick, was beim Umbau des Kraftwerks schon erreicht wurde und was noch aussteht.

Das ist schon passiert

2020 hatte der Aufsichtsrat der Städtische Werke Energie und Wärme GmbH beschlossen, dass Kraftwerk drei Jahre früher als geplant, ohne Braunkohle zu betreiben. Mit dem Ausstiegsbeschluss ging der Verzicht des Aktionsbündnisses „Kassel kohlefrei“ auf ein Bürgerbegehren einher. Das Bündnis hatte zunächst den Kohleausstieg für 2023 gefordert.

Ein erster Schritt war im Frühjahr 2020 getan worden. Damals war eine Anlage für Klärschlammtrocknung am Kraftwerksstandort an der Dennhäuser Straße in Betrieb genommen worden. In dieser wird Klärschlamm, der aus Kläranlagen aus dem Großraum Kassel angeliefert wird, getrocknet und anschließend verbrannt. Mit jährlich 8000 Tonnen Klärschlamm und extern angeliefertem getrocknetem Klärschlamm können aus technischen Gründen bisher zehn Prozent der Kohle ersetzt werden.

Um das Ziel zu erreichen, ausschließlich Klärschlamm und Altholz im Kraftwerk zur Gewinnung von Strom und Wärme zu verbrennen, sind weitere Nachrüstungen nötig. Entsprechende Verträge für die Anlieferung von Klärschlamm wurden bereits mit Lieferanten geschlossen.

Das wird passieren

Jüngst wurde eine große Dampfturbine angeliefert, die noch fertig installiert werden muss. Sobald die Turbine in Betrieb geht, ist es im Kraftwerk erstmals möglich, Wärme und Strom unabhängig voneinander zu produzieren. Bislang kann die Stromproduktion nur laufen, wenn gleichzeitig auch Wärme aus dem Fernwärmenetz abgenommen wird. Deshalb ist die Kraftwerkslaufzeit aktuell auf fünfeinhalb Monate über die Winterzeit begrenzt. Ziel ist es, dass die neue Anlage Ende 2022 in den Normalbetrieb geht.

In einem weiteren Schritt müssen der bestehende Kessel ertüchtigt und eine neue Rauchgasreinigung aufgebaut werden. „Der aktuelle Kessel ist für Rohbraunkohle zugelassen. Weil Holz und Klärschlamm andere Heizwerte und Inhaltsstoffe haben, ist der Umbau nötig“, sagt Stieglitz. Dafür brauche es einen längeren Vorlauf für die Planung. „Der Kessel muss thermodynamisch nachgerechnet werden, damit durch den Wechsel der Brennstoffe keine Gefahr vom ihm bei der Verbrennung ausgeht“, so die Kraftwerksleiterin. Der Austausch des Kessels könne nur im Sommer erfolgen, wenn das Kraftwerk außer Betrieb ist.

Wegen Lieferengpässen der Hersteller und der Auslastung der Fachfirmen sei damit zu rechnen, dass etwa der Einbau der Rauchgasreinigung frühestens 2024 beginnen könne.

Wenn alles fertig ist, sollen jährlich 80 000 Tonnen trockener Klärschlamm, 160 000 Tonnen entwässerter Klärschlamm und 80 000 Tonnen Altholz verbrannt werden. Damit wäre ein CO2-neutraler Betrieb gewährleistet.

Das Ziel

Aktuell wird ein gutes Viertel des Wärmebedarfs in Kassel (Haushalte und Industrie) durch Fernwärme abgedeckt. Das Gas spielt mit 60 Prozent noch die größte Rolle, der Rest wird durch Öl und sonstige Energieträger versorgt. Die Städtischen Werke wollen den Fernwärmeanteil deutlich ausbauen. „Mit steigenden Gaspreisen und einer CO2-Steuer gewinnt die Fernwärme an Attraktivität.“

Zudem liegen in vielen Bereichen der Stadt Fernwärme- und Gasleitungen parallel. „Wir könnten theoretisch die Fernwärmekapazität um 100 Prozent ausbauen. Allerdings müssen wir dafür die im Sommer erzeugte Wärme speichern können“, so Dr. Stieglitz.

So gibt es bereits erste Überlegungen für den Aufbau eines großen saisonalen Wärmespeichers, der die im Sommer gespeicherte Wärme für den Winter bereithält. Eine solche Technik ist in großen Dimensionen in Deutschland bislang noch nicht im Einsatz. (Bastian Ludwig)

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