Wodka ist bei Schülern angesagt

Wodka ist bei Schülern angesagt: Notbremse für junge Komatrinker

Trinken, bis der Arzt kommt: Über 100 Jugendliche werden in Kassel jedes Jahr wegen Alkoholvergiftung behandelt. Unser Bild stammt aus der Notaufnahme des Kinderkrankenhauses Hannover. Foto: dpa

Kassel. Schon 62 Mal in diesem Jahr sind Mitarbeiter der Jugend- und Suchtberatung der Drogenhilfe Nordhessen an das Krankenbett von Jugendlichen geeilt, die mit Alkoholvergiftung ins Klinikum Kassel eingeliefert wurden.

Diese sogenannte Frühintervention ist Teil des Präventionsprojekts „Halt“ (Hart am Limit). Seit 2010 gibt es diesen Bereitschaftsdienst, der meist abends an den Wochenenden zum Einsatz kommt. Jedes Jahr habe es um die 100 Fälle gegeben, sagt Barbara Beckmann, Leiterin der Jugend- und Suchtberatung bei der Drogenhilfe.

Julian Tschubel

„Wir versuchen, das Unglück zu nutzen, um den Jugendlichen den Weg zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol zu zeigen“, erklärt Julian Tschubel. Der Sozialpädagoge gehört mit zum Team des Bereitschaftsdiensts. In der „leicht traumatisierenden“ Situation im Krankenhaus, so sein Kollege Max Schäfer, seien fast alle Jugendlichen bereit, die Hilfe anzunehmen. Sie wachen auf der Intensivstation auf, hängen am Tropf und tragen meist eine Windel, weil sie die Köpferfunktionen nicht richtig kontrollieren können.

Barbara Beckmann

Die meisten Betroffenen - übrigens zu gleichen Teilen Mädchen und Jungen - sind 15 bis 17 Jahre alt. Der bisher jüngste Patient dieses Jahr war zwölf. Den höchsten Alkoholpegel hatte ein 14-Jähriger mit 3,2 Promille. Kinder und Jugendliche, die bisher kaum Alkohol getrunken haben, könnten aber auch schon mit geringen Promillewerten zum Fall für den Notarzt werden.

Unter Jugendlichen ist es laut den Fachleuten der Drogenhilfe heute üblich, Spirituosen zu trinken: Meist Wodka aus der Flasche und O-Saft oder Cola zum Nachtrinken. In der Regel geht es um gezieltes Betrinken. 45 Prozent der Jugendlichen geben in den Fragebögen der Drogenhilfe an, in „Rauscherwartung“ zu trinken.

Während in den meisten Fällen die jugendlichen Alkoholpatienten einmalig ihre Grenze nicht erkannt haben, beobachte man bei einem Drittel ein riskantes, regelmäßiges Konsumverhalten, sagt Barbara Beckmann.

Max Schäfer

Nach dem Gespräch am Krankenbett werden die Jugendlichen einige Wochen später zu einem sogenannten Risikocheck, einem Gruppenworkshop, eingeladen. Etwa ein Drittel nehme das Angebot an. Mit dieser Quote sei Kassel hessenweit führend, sagt die Kinder- und Jugendtherapeutin. In Hessen gibt es 26 weitere Projektstandorte von „Halt“. In dem drei bis vierstündigen Seminar sollen die Jugendlichen ihr Trinkverhalten und den Vorfall der Alkoholvergiftung reflektieren und praktische Tipps zu einem risikoarmen Alkoholkonsum mitentwickeln - zum Beispiel lieber Radler trinken als Hochprozentiges. Es gehe nicht darum, Jugendliche zur Abstinenz anzuhalten, erklärt Tschubel: „Das wäre fern der Realität.“ Ziel sei, den bewussten Umgang mit Alkohol zu erlernen.

Von Katja Rudolph

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