Gremium will große Veränderungen

Kommt die vom Kasseler Klimaschutzrat geforderte radikale Verkehrswende?

Wilhelmshöher Allee
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Bald durchgehende Radspuren: Für die Wilhelmshöher Allee fordert der Klimaschutzrat eine klare und sichere Führung der Radfahrer.

Der Klimaschutzrat hat diese Woche einen einstimmigen Beschluss gefasst, der deutliche Auswirkungen auf den Verkehr in der Stadt haben dürfte.

Kassel – Bei drei Enthaltungen haben die 29 Vertreter des Klimaschutzrates – die auch aus der Wirtschaft kommen – für ein umfassendes Maßnahmenpaket gestimmt. Dieses sieht unter anderem den Ausbau des Nahverkehrs, neue Rabattmodelle für den ÖPNV, höhere Parkgebühren und einen schnellen Ausbau der Radwege an Hauptstraßen vor. Bei allen Schritten setzt der Klimaschutzrat auf breite Akzeptanz in der Bevölkerung.

„Zwar müssen unsere Vorschläge zunächst in Beschlüsse der Stadtverordneten und des Magistrates münden, um bindend zu sein, aber ein Votum des Klimaschutzrates ohne Gegenstimme können die Gremien nicht ignorieren“, sagt Verkehrswissenschaftler Prof. Carsten Sommer von der Uni Kassel. Er hat die Ausarbeitung des Konzeptes federführend begleitet. Die Vorhaben seien ambitioniert, aber der Klimawandel erfordere dies auch. Die ersten Projekte könnten noch 2021 angestoßen werden. Denn bis 2030, wenn Kassel klimaneutral sein will, bleibe nicht viel Zeit. Eine Übersicht der vorgeschlagenen Maßnahmen:

Nahverkehr: Der Klimaschutzrat fordert den Ausbau des ÖPNV. In der Normalverkehrszeit soll auf den Hauptachsen ein 5-Minuten-Takt gelten. Für die weniger wichtigen Linien ist eine Verkürzung auf einen 10- beziehungsweise 20-Minuten-Takt gefordert. Die Umsetzung soll schrittweise ab 2021 erfolgen. Wegen der Taktverdichtung wird in der Innenstadt eine zusätzliche Strecke auf dem Steinweg nötig. Diese soll von der Kreuzung Trompete bis zum Altmarkt führen. Noch 2021 soll ein entsprechender Beschluss erfolgen.

Weil Straßenbahnen mehr Fahrgäste transportieren können als Busse und elektrisch betrieben sind, sollen weitere Stadtteile an das Netz angeschlossen werden. Der Klimaschutzrat fordert die Realisierung der Tram-Strecken nach Harleshausen und Waldau sowie die Reaktivierung der Herkulesbahn. In Kooperation mit den Umlandgemeinden sollen zudem Ihringshausen und Lohfelden ans Straßenbahnnetz angeschlossen werden.

Bis 2030 sollen 95 Prozent der Kasseler nicht länger als fünf Minuten Fußweg zur nächsten Haltestelle benötigen. In Gebieten, wo längere Fußwege zu den Hauptachsen des ÖPNV zurückzulegen sind, sollen Quartiersbuslinien eingeführt werden.

Damit Busse bei hohem Verkehrsaufkommen besser vorankommen, sollen Busspuren entstehen.

An Regiotram-Strecken sollen weitere Haltepunkte geprüft werden – etwa Vellmar-West, Aschrottstraße und Leuschnerstraße. Auf der Lossetalbahn soll die Fahrzeit von und nach Hessisch Lichtenau durch Schnellverbindungen mit weniger Halten verkürzt werden.

An außerstädtischen Regiotram-Haltestellen sollen in Kooperation mit den Gemeinden mehr Park-and-Ride-Parkplätze (u.a. Weimar, Heckershausen, Obervellmar) geschaffen werden. Dies soll den Autoverkehr durch Pendler reduzieren.

ÖPNV-Tarif: Es soll ein solidarisches Mieterticket – analog dem Semesterticket – eingeführt werden, bei dem die ÖPNV-Nutzung mit der Bezahlung der Miete möglich wird. Darüber sollen die städtische Wohnungsgesellschaft GWG und der NVV verhandeln.

Parkgebühren: Die Parkgebühren für oberirdische Parkplätze in Kassel sollen verdoppelt werden. Dies soll aber nicht losgelöst von der Einführung des Flex-Abo-Plus-Angebots erfolgen. Dahinter verbirgt sich eine Art Bahncard, die für einen 50-prozentigen Rabatt im ÖPNV (Kassel-Plus) und beim Parken in Parkhäusern und Tiefgaragen sorgen soll. Mit dem Modell sollen Gelegenheits-Bus- und Bahnfahrer einen Anreiz erhalten, auf den Nahverkehr umzusteigen. Auch die Anwohnerparkausweise sollen deutlich teurer werden. In Kassel kosten sie pro Jahr weniger als 30 Euro.

Parkplätze: Die Stellplatzsatzung soll reformiert werden. Die Pflicht zur Vorhaltung von Parkplätzen soll abgeschafft oder zumindest reduziert werden. Ausnahme: öffentliche Gebäude. Es sollen mehr reservierte Stellplätze für Carsharing und Elektrofahrzeuge ausgewiesen werden.

Ampelschaltungen: ÖPNV, Fußgänger und Radfahrer sollen bei Ampelschaltungen stärker priorisiert werden. Am Stadtrand soll es sogenannte Pförtnerampeln geben, die eine Überlastung im Stadtbereich verhindern.

Neubauprojekte: Für Neubaugebiete soll im Vorfeld ihrer Realisierung ein attraktiver ÖPNV-Anschluss (15-Minuten-Takt) geschaffen werden. Für das Neubaugebiet Feldlager soll noch 2021 der barrierefreie Umbau des nahegelegenen Bahnhofs Harleshausen inklusive eines Weges dorthin beschlossen werden. Neu geplante Einrichtungen, die viel Verkehr erzeugen (Schulen, Pflegeheime, Firmen), sollen nur noch an Hauptachsen des Nahverkehrs entstehen dürfen.

Radinfrastruktur: Durch den Ausbau der Radwege soll in Kassel der Radverkehr gesteigert werden. Dazu soll das bereits beschlossene Radverkehrskonzept so schnell wie möglich umgesetzt werden. Vor allem an Hauptstraßen solle es sichere Radwege geben. Priorität hätten die Achsen Frankfurter Straße – Weserstraße, Leipziger Straße – Wilhelmshöher Allee.

Parkplätze sollen in gesicherte Fahrradstellplätze umgewidmet werden.

Verkehrsberuhigung: Im Nebenstraßennetz (Tempo-30-Zonen) soll durch bauliche Veränderungen eine Verkehrsberuhigung erzielt werden. So sollen einzelne Abschnitte für Autos gesperrt oder Einbahnstraßenregelungen getroffen werden, um die Verkehrssicherheit und Aufenthaltsqualität zu erhöhen. Als Beispiel wird die Luisenstraße vor der Grundschule Königstor genannt.

Um die Akzeptanz für Straßensperrungen zu erhöhen, soll es zunächst zeitlich befristete Sperrungen geben, damit die Veränderungen bewertet werden können. Als erste Straßen sollen die Untere Königsstraße zwischen Stern und Holländischer Platz, der Pferdemarkt inklusive der Bremer Straße, der Philosophenweg, der Entenanger, die westliche Hafenstraße und der Auedamm im Rahmen von Experimenten für Autos gesperrt werden. Noch 2021 sollen die Planungen dafür starten, 2022 das erste Experiment starten.

Prämien: Wer auf Alternativen zum Auto setzt, soll mit einer städtischen Prämie belohnt werden. Vorgeschlagen wird eine Prämie für Käufer von ÖPNV-Zeitkarten und Elektrofahrrädern. Gleichzeitig verpflichten sich die Haushalte, innerhalb eines gewissen Zeitraums (jeweils mehrere Jahre) auf ein neues Auto zu verzichten. Ähnliche Modelle gibt es bereits in anderen Kommunen. (Bastian Ludwig)

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