Katerstimmung bei SPD und CDU

Kommunalwahl in Kassel: Grüne feiern an virtueller Bar

Grünen-Spitzenkandidatin Awet Tesfaiesus und Fraktionsvorsitzender Boris Mijatovic im Parteibüro im Schillerviertel
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Konnten sich gemeinsam mit ihren Parteikollegen nur online freuen: Grünen-Spitzenkandidatin Awet Tesfaiesus und Fraktionsvorsitzender Boris Mijatovic im Parteibüro im Schillerviertel.

Die Kommunalwahl 2021 ist auch in Kassel beendet. Die Stimmenauszählungen werden am Montag (15.03.2021) weitergeführt. Ein vorläufiger Sieger steht fest.

Kassel - Während Grüne und Linke zufrieden waren, herrschte bei den einst großen Volksparteien SPD und CDU schlechte Stimmung. Eindrücke von einem denkwürdigen Kommunalwahlabend in Kassel.

Kommunalwahl in Kassel: Die Reaktionen der Grünen

Ohne Pandemie hätte sich Awet Tesfaiesus am Sonntag in der Caricatura wohl mit ihren grünen Parteikollegen in den Armen gelegen. Doch wegen der Pandemie saß die Spitzenkandidatin mit dem Fraktionsvorsitzenden Boris Mijatovic im Grünen-Büro im Schillerviertel vor einem Laptop und sprach nur im Konjunktiv: „Ein Sieg wäre ein historischer Abend.“

Auf der Plattform Wonder.me tauschten sie sich mit Parteikollegen aus. Dort wandern Avatare durch einen virtuellen Raum und treffen sich etwa an der Bar.

Sollten die Grünen vorn bleiben, wäre die Frage, mit wem sie sich zu Koalitionsverhandlungen treffen. Tesfaiesus wäre offen für alle außer der AfD. Auch eine Zusammenarbeit mit der SPD, mit der sich die Grünen zuletzt ordentlich zofften, kann sie sich vorstellen: „Es geht nicht darum, wen wir am liebsten haben, sondern mit wem wir unsere Ziele am besten umsetzen können. Wir haben nicht viel Zeit, denn wir wollen Kassel bis 2030 klimaneutral machen.“

Kommunalwahl in Kassel: Die Reaktionen der SPD

Eher gedämpft ist die Stimmung bei der SPD: Im Fraktionsbüro im Rathaus verfolgten am Abend Spitzenkandidat Patrick Hartmann und Parteichef Ron-Hendrik Hechelmann am PC die einlaufenden Ergebnisse. Es sei das erwartete Kopf-an-Kopf-Rennen von SPD und Grünen geworden, meinte Hartmann. „Die Trends der Bundes- und Landespartei sind auch für die SPD in Kassel eine Hypothek“, sagte er zu den sich anbahnenden Stimmenverlusten.

Noch aber sei das „alles Kaffeesatzleserei“, sagte Hartmann. Viele Stimmen seien noch nicht ausgezählt. Und auch wenn die SPD bei der letzten Wahl nicht vom Kumulieren und Panaschieren profitiert habe, könne das diesmal anders sein. „Wir müssen erst mal abwarten, was kommt.“ Ähnlich sieht das auch SPD-Parteichef Hechelmann. Mit Blick auf einige Trendergebnisse zeigte er sich aber verwundert: „Der große Grünen-Stimmenanteil in Rothenditmold hat mich dann doch überrascht.“

Gedämpfte Stimmung bei den Genossen: Ron-Hendrik Hechelmann (links) und Spitzenkandidat Patrick Hartmann verfolgten die Wahlergebnisse im Fraktionsbüro der SPD im Rathaus.

Kommunalwahl in Kassel: Die Reaktionen der CDU

Der Innenhof des Rathauses eignete sich am Sonntag bei nass-kaltem Wetter nicht für eine Wahlparty. Zum Feiern war den Christdemokraten auch nicht zumute. „Wir sind schon traurig, dass wir wohl um die drei Prozentpunkte eingebüßt haben“, sagte Kassels CDU-Chefin Eva Kühne-Hörmann gegen 19.30 Uhr. Allerdings war da erst die Hälfte der Stimmen ausgezählt (alles zur Kommunalwahl in Kassel finden Sie in unserem Ticker). Spitzenkandidat Michael von Rüden war zuversichtlich, dass sich das Ergebnis noch verbessern wird. Danach sah es später auch aus.

Dass die CDU Stimmen eingebüßt hat, liege zum Teil auch am Masken-Skandal in Berlin, sagte Kühne-Hörmann. „Das hat der CDU geschadet. Das sieht man auch bei den Landtagswahlen.“

Die Kasseler CDU habe jetzt ein klares Ziel: Sie will eine Koalition oder Kooperation mit den Grünen oder der SPD, „um mehr Akzente in der Stadt setzen zu können“, wie Kühne-Hörmann sagt: „Wir wollen Verantwortung übernehmen.“ Bildung, Sicherheits- und Verkehrspolitik stünden im Mittelpunkt.

Sie wollen Verantwortung im Rathaus übernehmen: Die Christdemokraten Dominique Kalb (von links), Eva Kühne-Hörmann, Michael von Rüden und Barbara Hermann-Kirchberg.

Kommunalwahl in Kassel: Die Reaktionen der Linke

„Wir haben eine gute Arbeit gemacht“, sagte eine gut gelaunte Violetta Bock. Die Spitzenkandidatin der Kasseler Linken veranstaltete mit ihren Parteifreunden eine Zoom-Wahlparty, wo auf das Ergebnis angestoßen wurde. „Es ist ja noch viel in Bewegung, aber insgesamt haben wir zugelegt.“ Es sehe zudem so aus, dass die Linken in den acht Stadtteilen, in denen sie für die Ortsbeiräte angetreten sind, auch gewählt wurden.

Dass die SPD abgestraft wird, sei laut Bock zu erwarten gewesen. Das liege am Bundestrend, aber auch an der Erfahrung, die die Kasseler Wähler gemacht hätten. Besonders freute sich Bock darüber, dass die AfD wieder unter zehn Prozent liegt.

Kommunalwahl in Kassel: Die Reaktionen der AfD

AfD-Spitzenkandidat Sven Rene Dreyer sieht noch viele Unwägbarkeiten angesichts des vorliegenden Trendergebnisses. Dreyer, der selbst am Sonntagabend als Wahlhelfer in der Unterneustadt im Einsatz war, berichtet davon, dass der Anteil der Stimmzettel, auf denen kumuliert und panaschiert wurde, extrem hoch gewesen sei. Deshalb sei eine Einschätzung des Ergebnisses schwer. Dass die AfD ein oder zwei Prozent gegenüber den elf Prozent von 2016 verlieren könne, damit habe er gerechnet. Wenn es aber mehr würden, dann wäre das kein schönes Ergebnis. Nach dem Trendergebnis lag die AfD am Abend zwischen sieben und acht Prozent.

Kommunalwahl in Kassel: Die Reaktionen der FDP

FDP-Spitzenkandidat Matthias Nölke saß am Sonntagabend einsam in seinem Fraktionsbüro im Rathaus und war froh, dass die Liberalen das Ergebnis von 2016 gehalten haben und wohl wieder mit vier Sitzen in der Stadtverordnetenversammlung vertreten sind. Zudem habe seine Partei viele Sitze in Ortsbeiräten bekommen. Er sei optimistisch, dass sich das Ergebnis für die FDP noch verbessere, sobald die Stimmzettel, auf denen kumuliert und panaschiert wurde, ausgezählt sind.

Er habe erwartet, dass die SPD Stimmen einbüße, so Nölke. Er hätte mit noch höheren Verlusten für die Genossen in Kassel gerechnet. Das liege am Bundestrend, aber auch an der Politik vor Ort. „Die letzten fünf Jahre waren nicht die glücklichsten für die Kasseler SPD.“

Kommunalwahl in Kassel: Die Reaktionen der Freien Wähler

„Der Wähler hat immer recht“, kommentierte Christian Klobuczynski, Spitzenkandidat der Freien Wähler, das Ergebnis. „Ich bin nicht traurig. Ich bin zufrieden, dass wir voraussichtlich zwei Sitze behalten können“, sagte er gegen 20 Uhr. Allerdings räumte er ein, dass das Ziel, drei Stadtverordnetensitze zu erlangen, um eine Fraktion bilden zu können, nicht erreicht worden sei. „In einer Großstadt haben es die Freien Wähler immer schwerer.“

Kommunalwahl in Kassel: Die Reaktionen der Partei

Traurig und zufrieden zugleich war Jennifer Rieger. Die Spitzenkandidatin der Satirepartei „Die Partei“ sagte: „Leider haben wir unser Ziel von 100 Prozent plus x verfehlt, aber wir haben das beste Ergebnis seit Kriegsende in Kassel erreicht.“ Auch ohne Stadtverordnetensitz will die Spaßpartei weiter machen: „Denn ohne uns kann es nur schlimmer werden.“

Keine Reaktion gab es von „Rettet die Bienen“. (Andreas Hermann, Matthias Lohr und Ulrike Pflüger-Scherb)

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