Wunsch nach alternativer Wohngemeinschaft

Kommune in Kassel: Hier weht der Geist von 68

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Wohlwollendes und konstruktives Miteinander praktisch gelebt: Dagmar Fuhr (von links), Heinz-Ulrich Eisner, Marius Godelet, Jens Gantzel und Verena Koslowsky von der Villa Locomuna an der Kölnischen Straße.

Kassel. 15 Jahre ist es nun schon her, dass sich 30 Personen zu einer Kommune zusammenfanden und in die Villa Locomuna an der Kölnischen Straße zogen. Wir haben uns dort umgesehen.

Die Bewohner, Kommunarden genannt, waren von dem Wunsch beseelt, eine alternative Wohngemeinschaft auf die Beine zu stellen – auf Solidarität und Gleichberechtigung basierend, sich für die Umwelt einsetzend und gegen Kapitalismus und Konsum.

Auch 15 Jahre später ist in der Wohngemeinschaft der Geist von 1968, von der sozialistischen Studentenbewegung, anzutreffen: die Kommune als Gegenmodell zur bürgerlichen Kleinfamilie. Und noch immer halten die Bewohner an ihren Prinzipien fest.

Was das Zusammenleben der mittlerweile 27 Kommunarden so erfolgreich macht, ist die gegenseitige Achtung, die sie sich entgegenbringen. Einige von ihnen sind schon von Anfang an dabei, so wie beispielsweise Verena Koslowsky (46) und Dagmar Fuhr (50). Andere wiederum sind erst vor kurzem dazugekommen. Dazu zählt der 30-jährige Marius Godelet.

Alle Bewohner, von 23 bis 63 Jahren, teilen sich das 3000 Quadratmeter große Grundstück mit 2000 Quadratmetern Wohnfläche. Damit hört das Teilen jedoch nicht auf. Auch das Einkommen kommt in einen Topf. Äußert ein Mitglied einen Wunsch, wird man sich gemeinsam einig, in welcher Form der Wunsch erfüllt werden kann, erklärt Koslowsky.

Sie kam kurz nach der Gründung zur Kommune, weil ihr in ihrem Leben in Bremen etwas gefehlt habe, wie sie berichtet. Sie suchte nach einer Gruppe mit politischem Bewusstsein und dem Wunsch, die Gesellschaft aktiv mitzugestalten. Dann hörte sie von der Kasseler Stadtkommune, besuchte sie und blieb – seit nun schon 14 Jahren. „Es hat sofort gefunkt“, erinnert sich Koslowsky. Und auch bei Fuhr und Godelet sei es ähnlich gewesen. Sie wollten weg von Vereinzelung und hierarchischen Gesellschaftskonzepten.

„Niemand steht über dem anderen, jeder hat etwas zu sagen.“

Was Koslowsky an der alternativen Wohngemeinschaft gefällt, ist das wohlwollende, aber auch konstruktive Miteinander: „Niemand steht über dem anderen, jeder hat etwas zu sagen.“ Und statt der Anhäufung von Besitz, stehe das Teilen im Vordergrund. „Warum sollte unsere Kommune sieben Autos besitzen, wenn schon eins reicht?“, erklärt Koslowsky. Das heißt aber nicht, dass persönlicher Besitz nicht erlaubt sei. Und 24 Stunden am Tag aufeinanderhocken, wie es oft Kommunen nachgesagt wird, müsse man in der Villa auch nicht, sagt Godelet. In den beiden Häusern, die durch einen Gang miteinander verbunden sind, gebe es auf jeder Etage eine Wohngemeinschaft. Etwa sechs Personen leben in einer WG – und jeder Kommunarde habe ein eigenes Zimmer mit einer Tür, die er schließen könne, wann immer er wolle.

Gemeinschaft bei der Kommune wird vor allem beim Abendessen zelebriert, an dem alle Bewohner teilnehmen, so weit es ihnen möglich ist. Außerdem werden Lesungen, Diskussionsabende oder Tanzveranstaltungen angeboten, um sich weiterzubilden – oder um auch einfach nur Spaß zu haben. Denn genau das mache laut Koslowsky und ihren Mitbewohnern das gemeinschaftliche Miteinander: jede Menge Spaß.

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