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Autorin Dahn über Ukraine-Krieg: „Konflikte sind nur durch Reden zu lösen“

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Von: Matthias Lohr

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Tritt am Wochenende beim Friedensratschlag in Kassel auf: Schriftstellerin Daniela Dahn
Tritt am Wochenende beim Friedensratschlag in Kassel auf: Schriftstellerin Daniela Dahn. © Holger John/VIADATA

Schriftstellerin Daniela Dahn unterzeichnete den Offenen Brief an Kanzler Scholz und sprach sich gegen Waffenlieferungen an die Ukraine aus. Auch jetzt fordert sie Friedensverhandlungen.

Kassel – Am Wochenende trifft sich die Friedensbewegung in Kassel. Unter dem Motto „Unterwegs zu einer neuen Weltordnung – Weltkrieg oder sozialökologische Wende zum Frieden“ findet Samstag und Sonntag der traditionsreiche Friedensratschlag im Philipp-Scheidemann-Haus statt. Bekannte Teilnehmerinnen sind Heela Najibullah, Tochter des ermordeten afghanischen Präsidenten Mohammed Nadschibullah, die Linken-Bundestagsabgeordnete Sevim Dagdelen und die Schriftstellerin Daniela Dahn, die sich immer wieder gegen Waffenlieferungen an die Ukraine ausgesprochen hat. Wir sprachen mit der 73-Jährigen.

Frau Dahn, ist Wladimir Putin für Sie ein Kriegsverbrecher?

Ein Krieg ohne UN-Mandat ist ein Angriffskrieg und dieser das schwerste Verbrechen, das das Völkerrecht kennt. Auch deshalb, weil er so gut wie alle anderen Verbrechen in sich einschließt. Präsident Putin hat für den russischen Angriff das Recht auf Selbstverteidigung nach Artikel 51 der UN-Charta in Anspruch genommen, was abenteuerlich ist. Allerdings haben auch die USA ihre „präventiven Kriege“, die an sich ein Bruch der UN-Charta sind, abwegigerweise mit diesem Artikel begründet. Ohne Kontext keine Gerechtigkeit. Da hilft kein Whataboutismus. Ich bin sehr für juristische Aufarbeitung, aber bitte nicht selektiv. Das war beim Kasseler Friedensratschlag immer Prinzip.

Sie haben im April den Offenen Brief an Kanzler Olaf Scholz mitunterzeichnet, in dem Sie sich gegen Waffenlieferungen an die Ukraine ausgesprochen haben. Sprechen Sie der Ukraine das Existenzrecht ab, wie Serhij Zhadan, der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, Ihnen vorgeworfen hat?

Ich kenne niemanden, der der Ukraine das Existenzrecht abspricht. Es geht viel mehr darum, welche Existenz nach diesem Krieg noch möglich ist. Je länger er dauert, je mehr Menschen sterben, je zerstörter die Wirtschaft und die Infrastruktur ist, je zahlungsunfähiger und verschuldeter die Ukraine wird, je unwahrscheinlicher wird eine wirklich souveräne Existenz sein. Der Krieg zerstört das Land mit dem Versprechen seiner Rettung. Die Ukraine war schon vor dem Krieg mit Moldawien das ärmste Land Europas. Kredite waren mit der Auflage eines strikt neoliberalen Kurses verbunden. Es ist zu befürchten, dass sie nunmehr auf Jahrzehnte hinaus von der Weltbank oder einem der geopolitischen Blöcke abhängig sein wird, wie ein Protektorat.

Militärexperten befürchten, dass Russland die Ukraine diesen Winter aushungern will. Hat die internationale Staatengemeinschaft nicht die Pflicht, den Ukrainern zu helfen?

Bei dem Wort „aushungern“ fällt mir sofort Leningrad ein. Humanitäre Hilfe? Selbstverständlich. Das wichtigste Menschenrecht ist das Recht auf Leben. Wer das verliert, für den haben sich auch alle anderen Rechte erledigt. Die Zerstörung der Infrastruktur, von Stromversorgung, Raffinerien und Industriebetrieben ist perfide, aber leider auch im Westen Kriegsstrategie. Ich erinnere nur an Jugoslawien. Keiner, wirklich keiner von denen, die sich für Waffenlieferungen aussprechen und diese auch liefern, kann wissen, ob mit mehr militärischer Gewalt und damit Verlängerung des Krieges, Menschenleben nicht eher gefährdet als gerettet werden. Einige Militärexperten sagen, die russische Armee habe trotz aller Fehlstrategien die „Eskalationsdominanz“, und warnen vor einem langen Zermürbungskrieg.

Sie plädieren für Verhandlungen. Wie kann man mit jemandem verhandeln, der nur dann dazu bereit ist, wenn die eigenen Bedingungen erfüllt werden?

Alle Verhandlungen beginnen auf beiden Seiten mit eignen Bedingungen. Warum fragen Sie nicht, wie man mit jemandem verhandeln kann, der den eigenen Sieg zur Voraussetzung macht, also die Rückeroberung der Donbass-Gebiete und auch der Krim, ohne zu prüfen, ob die Menschen dort das wirklich wollen? Auf der Krim gab es schon 1991, als die Ukraine noch nicht selbstständig war, ein eindeutiges Referendum zugunsten einer Rückkehr nach Russland. Danach lebte man dort autonom, mit eigener Verfassung, bis ukrainische Spezialkräfte 1995 die Krim zurückholten. Solche komplizierten Konflikte sind nur durch Reden zu lösen, nicht durch Schießen.

Wie sehr trifft es Sie, wenn man Sie als Putin-Versteherin kritisiert?

Bisher habe ich diesen Vorwurf persönlich nicht gehört. Wollen Sie der Erste sein? Ich habe nie akzeptiert, dass Verstehen etwas Kritikwürdiges sein soll. Verstehen heißt weder Rechtfertigen noch Verständnis. Aber ohne zu verstehen, wer und was die Welt im Innersten zusammenhält, können wir sie nicht verändern.

Warum gelingt es der gealterten Friedensbewegung nicht, junge Leute etwa aus der Klimaschutzbewegung einzubinden?

Da sprechen Sie einen sehr wunden Punkt an. Es gab Zeiten, da war ein Teil der Friedensbewegung jung, spontan und hielt sich nicht an die akademischen Regeln der politischen Korrektheit. Wer aber sagte, der Ukraine-Konflikt sei von der westlichen Elite befördert worden, wurde gleich als Verschwörungstheoretiker eingestuft. Bald wurde der gesamten Bewegung der „Montagsdemonstrationen für den Frieden“ unterstellt, sie sei nach Rechts offen, was in dieser Verabsolutierung einer Zersetzungsstrategie gleichkam. Seither gibt es viel Verunsicherung und Berührungsängste. Ich bedaure das sehr, denn ohne ein Zusammengehen der Öko-, Friedens-, und Sozialbewegungen wird keine wirklich Erfolg haben.

Welche Bedeutung hat der Kasseler Friedensratschlag für die Bewegung?

Der Ratschlag war immer ein Forum für Friedensoptionen, aufseiten eines pragmatischen Pazifismus und einer aufklärerischen Haltung. So ist die 2014 von Peter Strutynski, dem Initiator des Treffens, herausgegebene Anthologie „Ein Spiel mit dem Feuer. Die Ukraine, Russland und der Westen“ bis heute eine Fundgrube an Fakten. Verkürzt gesagt, bleiben wir gegen geopolitische Machtspiele, unter denen die Bevölkerungen immer leiden. Wir wollen keinen russischen Diktatfrieden, aber auch keinen der Nato. Dazu haben wir im Lauf der Jahre zu viel Wissen über dieses Bündnis angesammelt. Der Westen unterwirft nicht durch Annexion, sondern durch Assoziation. Ganz konkret erhoffe ich mir Ermutigung zu weiteren Aktionen für Deeskalation und Abrüstung.

Das ist Daniela Dahn

Geboren: am 9. Oktober 1949 in Ost-Berlin als Tochter der Journalisten Karl-Heinz Gerstner und Sibylle Boden-Gerstner (gründete die DDR-Modezeitschrift „Sibylle“)

Ausbildung: Journalistikstudium in Leipzig

Beruf: Dahn arbeitete in der DDR als TV-Journalistin, ehe sie kündigte, „um nicht die Selbstachtung zu verlieren“. Seither ist sie freie Autorin. Dahn war Mitgründerin der DDR-Oppositionsgruppe Demokratischer Aufbruch und ist in der Schriftstellervereinigung PEN.

Privates: Die Mutter der Regisseurin Laura Laabs lebt in Berlin.

Aktuelles Buch: „Im Krieg verlieren auch die Sieger: Nur der Frieden kann gewonnen werden“ ist bei Rowohlt (224 Seiten, 16 Euro) erschienen. (Matthias Lohr)

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