Interview mit Arzt des Kasseler Kinderwunschzentrums

Interview: Kontakt zu Samenspender meist nicht gewünscht

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Dr. Marc Janos Willi

Kassel. Diese Woche entschied das Oberlandesgericht Hamm, dass Kinder von Samenspendern ein Recht auf Kenntnis der Identität ihres biologischen Vaters haben. Wir sprachen mit Dr. Marc Janos Willi vom Kinderwunschzentrum Kassel, welche Folgen das Urteil hat.

Sie erfüllen Paaren den Kinderwunsch. Wie konkret dürfen die Wünsche sein?

Dr. Marc Janos Willi: Die Paare geben bei uns ihre persönlichen Merkmale an, die sie bei der Suche nach einem geeigneten Spendersamen berücksichtigt wissen wollen: Blutgruppe, Größe, Herkunft, Gewicht, Statur, Haar- und Augenfarbe. Es ist sogar möglich, den Beruf, zum Beispiel Akademiker, vorzugeben. Dies halte ich für überflüssig. Denn je mehr Kriterien vorgegeben werden, desto geringer ist die Auswahl an Samenspenden.

Das heißt, am Ende können sich blondhaarige Paare sicher sein, keinen dunkelhaarigen Sohn zu bekommen?

Willi: Eine Garantie gibt es nicht. Denn es kann immer sein, dass sich Merkmale aus der Familie des Spenders erst in zweiter Generation vererben. So könnte dessen Mutter rothaarig gewesen sein und dies würde eventuell an das Spenderkind weitergegeben.

Welche Kriterien sind Paaren besonders wichtig?

Willi: Die Blutgruppe und die Herkunft. Wenn das Spenderkind eine andere Hautfarbe hätte oder eine Blutgruppe, die nicht mit der des Vaters zusammenpasst, könnte ihm dies später auffallen. Die Eltern sollen die Möglichkeit haben, die Behandlung mit Spendersamen ihren Kindern sowie Bekannten gegenüber zu verschweigen.

Gibt es Ängste bei den Paaren, dass der Spender kriminell oder drogenabhängig sein könnte und sich dies auf ihr Kind überträgt?

Willi: Solche Ängste gibt es. Doch Spender unterliegen einem Auswahlverfahren und ihr Blut wird vor Verwendung des Samens zweimal geprüft. So können etwa Infektionen ausgeschlossen werden.

Was halten Sie von dem Urteil aus Hamm?

Willi: Es bringt nur teilweise Neuerungen. Bereits 1989 legte das Bundesverfassungsgericht ein Grundrecht auf Kenntnis der eigenen Abstammung fest. Dies bezog sich auf nicht-eheliche Kinder. Seit 2007 gibt es zudem das Gewebegesetz, das vorschreibt, dass die Unterlagen über den Samenspender 30 Jahre aufbewahrt werden müssen. Dieses Gesetz hatte aber nicht zum Ziel, dass Spenderkinder ihren Vater identifizieren können, sondern es ging nur um Qualitätsmanagement. Insgesamt gibt das neue Urteil den Spenderkindern und Ärzten Rechtssicherheit - die Rechte der Spender bleiben aber unberücksichtigt.

Erwarten Sie, dass es wegen der Aufhebung der Anonymität weniger Samenspender geben wird?

Willi: Die Gefahr besteht. Denn die Spender haben zu befürchten, dass ihre biologischen Nachkommen irgendwann mit Erb- oder Unterhaltsansprüchen an sie herantreten. Diese Sorge hätte zur Folge, dass Spenden knapp und teurer würden. Der Gesetzgeber muss Spender dringend von Erbschafts- und Unterhaltsansprüchen befreien.

Vermutlich haben Spender kein Interesse an Kontakt.

Willi: Die meisten sicher nicht. Nehmen wir an, ein Mann hat sich im Studentenalter Geld mit Samenspenden hinzuverdient. Jahre später gründet er eine Familie und plötzlich klingeln fremde Kinder an seiner Tür und fordern Unterhalt. Der Spender muss besser geschützt werden.

Wie können Sie die Herkunft des Samens zurückverfolgen?

Willi: Wir erhalten unsere Samenproben von einer Samenbank in Hamburg und wir setzen diese dann mit einer Behandlung ein. Jede Probe ist mit einem Code versehen, hinter dem eine Identität bei der Samenbank hinterlegt ist. Wenn ein Spenderkind zu uns kommt, muss die Samenbank nach der jetzigen Rechtslage die Identität preisgeben. Wie genau eine Kontaktaufnahme vom Spenderkind zum Spender erfolgen soll und in wieweit der Spender ein Mitspracherecht hat, ist leider nicht gesetzlich geregelt.

Zur Person

Dr. Marc Janos Willi, Jahrgang 1968, ist Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe und spezialisiert auf die Reproduktionsmedizin. Seit 2006 arbeitet er im Medizinischen Versorgungszentrum für Reproduktionsmedizin (Kinderwunschzentrum), das im Kasseler Klinikum untergebracht ist. Willi ist verheiratet und hat drei Kinder.

Hintergrund

Ein Versuch kostet 1500 Euro

Pro Behandlungsversuch zahlen die Paare in Kassel etwa 1500 Euro. 500 bis 600 Euro verlangen die Samenbanken für eine Probe, und die Behandlung kostet etwa 1000 Euro. Der erste Versuch führt aber meist noch nicht zum Erfolg. Die Krankenkasse übernimmt die Kosten nicht. (bal)

Info: www.kinderwunsch-kassel.de

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