Schmuckhändler ist nicht nur Opfer

Goldhändler in den Kopf geschossen - Angeklagter bestreitet versuchten Mord in Kassel

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Er bestreitet die Tat: Einem 38-jährigen Armenier wird vorgeworfen, einen Schmuckhändler in Kassel in den Kopf geschossen zu haben.

Weil er einem Goldhändler im Februar 2018 vor dessen Haus in Bettenhausen in den Kopf geschossen und beraubt haben soll, muss sich seit Mittwoch ein 38-jähriger Armenier auf der Anklagebank der sechsten Strafkammer des Kasseler Landgerichts verantworten.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann, der bis zu seiner Festnahme zwei Wochen nach der Tat in einer Asylbewerberunterkunft in Wohltorf (Schleswig-Holstein) gelebt hat, versuchten Mord aus Habgier in Tateinheit mit schwerem Raub vor. Neben dem Mann muss sich eine 42-jährige Armenierin, die in Kassel lebt, wegen gemeinschaftlicher Begünstigung verantworten. Sie soll versucht haben, zusammen mit einem weiteren Mann einen Teil der Beute zu dem 38-Jährigen von Kassel nach Norddeutschland zu bringen. Eine Polizeikontrolle bei Bovenden (Niedersachsen) machte ihr aber einen Strich durch die Rechnung.

Die Frau räumte vor Gericht ein, dass sie den Schmuck in ihrem Auto hatte. Allerdings habe sie nicht gewusst, dass dieser aus einem Raub stamme.

Angeklagter bestreitet die Tat ausdrücklich

Der 38-Jährige ließ über seinen Verteidiger erklären, dass er nicht wisse, wie die in seinem Zimmer in der Asylunterkunft gefundenen Schmuckstücke dorthin gekommen seien. Er bestreite ausdrücklich die Tat. Der Schmuckhändler sagte indes im Zeugenstand, dass er hundertprozentig sicher sei, dass der Angeklagte auf ihn geschossen habe. 

Er stehe jede Nacht sechs bis sieben Mal auf, weil er Angstzustände habe. Seitdem ihm am 9. Februar 2018 in den Kopf geschossen worden ist, sei er ein anderer Mensch geworden, sagte der 53-jährige Schmuckhändler am Mittwoch im Zeugenstand vor der sechsten Strafkammer des Kasseler Landgerichts aus. 

"Meine Persönlichkeit ist zerstört"

„Meine Persönlichkeit ist zerstört.“ Zudem wisse er nicht mehr, wer sein Freund und wer sein Feind ist. Er wisse allerdings, dass er großes Glück gehabt habe. Die Ärzte hätten zu ihm gesagt, dass er tot gewesen wäre, wenn der Schusskanal nur ein Millimeter nach rechts versetzt gewesen wäre. Zudem sei er sich hundertprozentig sicher, dass der 38-jährige Armenier, der sich wegen des Verdachts des versuchten Mordes und des schweren Raubs auf der Anklagebank verantworten muss, auch der wahre Täter ist. 

Mehrmals zeigte der 53-Jährige im Gerichtssaal mit dem Finger auf den Angeklagten, der dort im Trainingsanzug saß und zwischendurch immer wieder einen tiefen Schluck aus einer Milchtüte nahm. Dieser kräftig und selbstbewusst wirkende Mann ließ allerdings über seinen Anwalt erklären, dass er das Opfer noch nie gesehen habe. Wie Teile des Schmucks aus dem Raub in sein Zimmer der Asylunterkunft in Norddeutschland gekommen seien, wisse er auch nicht. 

Kopfschuss: Täter setzte Pistole hinter dem Ohr des Opfers auf

Fest steht: Dem türkischen Schmuckhändler wurde vor knapp einem Jahr vor seinem Wohnhaus an der Leipziger Straße in Bettenhausen in den Kopf geschossen. Laut Anklage setzte der Täter die Pistole, Kaliber 22, hinter dem linken Ohr des Opfers auf, bevor er abdrückte. 

Die Kugel trat an der linken Wange wieder aus. Durch den Schuss wurden Ober- und Unterkiefer des Mannes zertrennt. Zudem verlor er einige Zähne. Der Täter raubte dem Schmuckhändler anschließend eine Tasche mit 40 000 Euro sowie verschiedene Schmuckstücke und Uhren, darunter zum Beispiel eine Rolex-Damenuhr im Wert von über 30 000 Euro. 

Für ihn sei es immer normal gewesen, Schmuck und Geld aus seinem Geschäft in der Innenstadt abends mit nach Hause nach Bettenhausen zu nehmen, erklärte der Schmuckhändler vor Gericht. Durch Freunde kam der Schmuckhändler wohl auf die Spur des Angeklagten, als er nach der Tat noch im Klinikum Kassel lag. Zwei gute Bekannte hätten für ihn in der Stadt recherchiert und ihm ein Foto auf dem Handy gezeigt. 

Auf dem seien der Angeklagte und eine Frau zu sehen gewesen. Als er das Bild gesehen habe, sei ihm vor Schreck das Handy aus der Hand gefallen, schilderte der Schmuckhändler. Das sei eindeutig der Schütze. Die Frau habe er vom Sehen gekannt. Sie sei eine Bekannte eines Mieters seiner Tochter, der im selben Mehrfamilienhaus wie er lebe, so der Händler. 

Die 42-jährige Armenierin, die das Foto mit ihrem neuen Freund bei dem Onlinedienst Instagram gepostet haben soll, muss sich neben dem 38-Jährigen vor Gericht verantworten. Laut Anklage soll sie versucht haben, einen Teil der Beute zu ihm nach Norddeutschland zu bringen. Neben Schmuckstücken, die bei den beiden Angeklagten gefunden worden sind, entdeckte die Polizei einen Teil der Beute im August vergangenen Jahres in einem Erdloch an der Prinzenquelle in Kassel. 

Schmuckhändler ist nicht nur Opfer

Der Schmuckhändler, der in diesem Verfahren als Nebenkläger auftritt, ist allerdings nicht nur Opfer. Ab kommenden Dienstag, 15. Januar, muss er sich selbst auf der Anklagebank der elften Strafkammer des Landgerichts verantworten. 

Die Vorwürfe lauten: gewerbsmäßige Hehlerei, schwerer Bandendiebstahl und Drogenhandel. Der Mann soll von August bis November 2011 in Kassel Schmuckstücke und Wertsachen aus Wohnungseinbrüchen angekauft haben. Darüber hinaus soll er von Februar 2016 bis Frühjahr 2017 an verschiedenen Kokaingeschäften beteiligt gewesen sein. Der Prozess wegen versuchten Mordes und schweren Raubs gegen den Armenier und die mitangeklagte Frau wird ebenfalls am 15. Januar, 9 Uhr, fortgesetzt.

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