Koran-Verteilung in Kassel: Aufgeheizte Stimmung, großes Interesse

Wollen ihren Glauben bekannter machen: Fünf Männer vom Islamischen Zentrum Kassel verteilten kostenlos Koran-Exemplare in der Innenstadt. Fotografieren lassen wollten sie sich nicht - der Pavillon ist auch so niedrig, dass das dach die Gesichter verdeckt. Die Übersetzung gilt als gemäßigt, nicht aber der Organisator der Koran-Verteilung in Deutschland, ein radikaler Moslem aus Köln. Fotos: Fischer

Kassel. Aufgeheizte Stimmung, lautstarke Debatten: Die kostenlose Verteilung von Koranen am Samstag in Kassel hat die Gemüter bewegt. Eine Reportage aus der Innenstadt, wo gleich zwei Stände von Muslimen um Aufmerksamkeit buhlten.

Lautstark diskutiert ein Mann vor dem Stand neben dem Rathaus an der Wilhelmsstraße mit den Muslimen, die dort Koran-Exemplare verteilen. „Lies! Im Namen Deines Herrn, der Dich erschaffen hat“, steht auf einem schwarzen Plakat vor dem Stand. Der Kasseler hat eines der kostenlosen Koran-Exemplare in der Hand und ein Grundgesetz. Er hat mehrere Stellen im Koran mit Leuchtstift markiert: „Und jene, deren Widerspenstigkeit ihr befürchtet: Ermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie“, steht dort. Wieso man Frauen schlagen dürfe?, wettert der Mann. Der hochgewachsene junge Moslem hinter dem Tresen beruft sich darauf, dass das anders zu deuten sei. Auf die Frage des Kasselers, wie denn, verweist er auf die Lektüre des Koran. Das Streitgespräch zieht sich mindestens 20 Minuten lang hin.

Freundlich-gelassene Stimmung: Mohammad Bilal Bhatti (vorne), Bubarik Ahmad (dahinter, von rechts), Ayaz Ahmad Tschohan, Tariq Jawed und Jajja Mudassar Ahmed von der Ahmadiyya-Gemeinde der Mahmud-Moschee verteilten am Stern Info-Material zu ihrem Glauben, aber keine Gratis-Korane. Foto: Rudolph

Unterdessen kommen immer wieder Menschen an den Stand und fragen nach einem kostenlosen Koran. Die Moslems von der Al-Huda-Moschee, die den Stand neben dem Rathaus an der Wilhelmsstraße angemeldet haben, kommen jeder Bitte nach - solange der Vorrat reicht. Sie reden mit allen, die auf sie zukommen, sprechen Passanten aber nicht direkt an und drücken auch niemandem ein Buch in die Hand, der nicht danach gefragt hat. Auf Nachfrage erklärt einer der fünf jungen Männer am Stand: „Wir sind keine Salafisten.“ Wie berichtet, geht die groß angelegte Koranverteilung auf einen Kölner Moslem zurück, der als extremistischer Salafist gilt. Der Stand wurde am Samstag vom Ordnungsamt kontrolliert und über die gesamte Dauer von einer Polizeistreife beobachtet.

Die Al-Huda-Moschee gehört zum Islamischen Zentrum Kassel an der Erzbergerstraße. Auf der Internetseite des Vereins heißt es, Ziel sei, „ein Zuhause zu schaffen für Muslime verschiedenster Nationalitäten und gleichzeitig Vorurteile gegenüber dem Islam abzubauen und ein friedliches Miteinander zu unterstützen“.

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Mit dem Verteilen einer kostenlosen Koranübersetzung wolle man die Menschen informieren, sagen die Männer am Stand. Das Interesse an dem Gratis-Angebot ist groß. Schon nach 40 Minuten ist die erste Fuhre Bücher vergriffen. Auf die Frage, wie viele Exemplare das waren, will ein junger Mann antworten, ein anderer geht auf Arabisch dazwischen. Die Zahlen, die später genannt werden, sind widersprüchlich. 50? 100?

Fotos: Salafisten verteilten Koran

Salafisten verteilten Koran in Kassel

Auch der Nachschub ist bis 13 Uhr vergriffen. Als der HNA-Fotograf ein Foto vom Stand machen will, stürzt der schlanke, große Mann mit Brille auf ihn zu: „Sie haben keine Genehmigung.“ Auf die Entgegnung hin, dass es erlaubt ist, von einer Aktion im öffentlichen Raum Fotos zu machen, zieht der Mann sich wieder zurück. Dreht aber vorher noch das „Lies!“-Plakat um.

Wer sind die Salafisten?

Antworten auf die häufigsten Fragen gibt HNA-Politikchef Tibor Pézsa.

Ganz anders ist die Atmosphäre an einem zweiten Info-Stand von Kasseler Muslimen am Stern: Dort bieten Gläubige der Mahmud-Moschee in Niederzwehren, die zur Ahmadiyya-Bewegung gehört, Broschüren und Flyer über ihren Glauben an. Den Koran gibt es auch, aber nicht kostenlos, sondern für 10 oder 17 Euro. „Wir wollen nicht, dass der Koran, für uns ein heiliges Buch, im Mülleimer oder auf der Straße landet.“ Die Glaubensgemeinschaft gilt als gemäßigt: Ihre Anhänger werden in einigen islamischen Ländern nicht als Moslems anerkannt und verfolgt.

Auf den in der Innenstadt verteilten Handzetteln wirbt die Gemeinde mit „Frieden, Freiheit, Loyalität“. Der Tonfall am Stand ist - auch der Presse gegenüber - ruhig und sachlich.

Von Katja Rudolph

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