Ein Corona-Schuljahr geht zuende: In den Schulen wird Bilanz gezogen

„Schuljahr war kräftezehrend und entbehrungsreich“

Viertklässler der Grundschule Wolfsanger-Hasenhecke Kassel
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Viertklässler der Grundschule Wolfsanger-Hasenhecke Kassel freuen sich auf die Ferien.

Viele waren im vergangenen Schuljahr damit beschäftigt, dafür zu sorgen, dass Schule auch in der Pandemie gut funktioniert. Wir haben uns umgehört und Schulleiter in Kassel nach einem Fazit gefragt.

Wir befragten Leiterinnen und Leiter verschiedener Schulformen.

Grundschule

Katrin Endig-Rausch, die Leiterin der Schule Wolfsanger-Hasenhecke:

Katrin Endig-Rausch

Es war ein wildes Schuljahr für alle. Für unsere Schule muss ich sagen: Was wir auf kollegialer Ebene geschafft haben, war enorm. Digital haben wir uns stark weiterentwickelt. Darauf bin ich stolz. Wir haben Konzepte für den Distanzunterricht entwickelt und sind den verschiedenen Unterrichtsformen besser gerecht geworden als vergangenes Jahr. Toll war die Ausstattung der Schüler mit Endgeräten durch den Schulträger. Das hat uns sehr unterstützt.

Die letzten Schulwochen im Präsenzunterricht waren eine Bereicherung. Da haben wir noch mal viel geschafft.

Insgesamt hat uns die Pandemie viel abverlangt. Ich würde sagen vier Fünftel der Kinder haben das Schuljahr gut gemeistert. Das letzte Fünftel macht uns aber Sorgen. Diese Schüler müssen wir auffangen. Es muss nicht bedeuten, dass sie uns verloren gehen, aber sie sind abgehängt. Unser Auftrag lautet: Wie kriegen wir die wieder an Bord? Einige haben das Angebot angenommen, das Schuljahr zu wiederholen.

Wir bekommen aus dem Landesprogramm „Löwenstark“ 7000 Euro, müssen aber gucken, wie wir das Förderprogramm umsetzen. Das muss jede Schule für sich tun. Das ist Ressourcen zehrend. Ich hätte mir da Unterstützung vom Kultusministerium gewünscht, anstatt die Aufgabe nach unten zu delegieren.

Gymnasium

Markus Crede, Leiter der Albert-Schweitzer-Schule:

Gefühlt hat es für viele Kinder funktioniert, dass wir uns als Schulsystem auf eine Krisensituation eingestellt haben. Das war nicht ideal, aber hat unter den Umständen bestmöglich funktioniert.

Dabei darf nicht außer Acht gelassen werden, dass es auch Kinder gab, die im Homeschooling keine Unterstützung von Zuhause bekommen haben, die technische Probleme hatten.

Markus Crede, Leiter der Albert-Schweitzer-Schule Kassel

An unserer Schule sind bis auf eine Ausnahme alle Schüler versetzt worden. Wir haben jetzt den Auftrag fürs nächste Schuljahr, Verpasstes aufzuholen. Gar nicht mal fachlich. Natürlich sind im vergangenen Schuljahr nicht immer alle Kapitel behandelt worden, aber vor allem müssen sich die Kinder wieder an das soziale System Schule gewöhnen. Das hat in den letzten Wochen wieder gut geklappt. Dass Schüler sagen: Wir sind froh, wieder in der Schule zu sein, ist ja eine Aussage, die bei Pubertierenden beeindruckt und zeigt, wie wichtig das soziale System Schule ist. Wir starten ins nächste Schuljahr – an Lockdowns mag ich nicht denken – indem wir unsere Förderangebote, die Lernateliers, intensivieren. Da stecken wir mehr Ressourcen rein.

Unter den Kollegen ist der Zusammenhalt noch stärker geworden. Wir haben anstrengende Monate hinter uns und freuen uns auf die Ferien.

Förderschule

Karl-Ludwig Rabe, Leiter Alexander-Schmorell-Schule, Schule mit Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung:

Das zu Ende gehende Schuljahr war ausgesprochen kräftezehrend und entbehrungsreich. Für die Alexander-Schmorell-Schule gab es besonders viele Klippen zu umschiffen und Besonderheiten zu bedenken.

Letztlich sind wir mit dem Wechselmodell, der Strategie der Hygieneregeln und des Testens sowie mit den Impfaktionen recht gut gefahren. Das hat geklappt, weil fast umfassend Verständnis, Bereitschaft und Mitarbeit bei Schülerinnen und Schülern, Elternschaft und Kollegium inklusive Assistenzkräften vorhanden waren.

Wir sollten nicht vergessen, dass wir in der Krise auch eine Menge gelernt haben: digitale Strukturen aufbauen und nutzen, noch flexibler und rücksichtsvoller werden, individuell auch originelle Wege gehen.

Für das nächste Schuljahr wünsche ich mir eine rechtzeitige schülerbezogene Impfkampagne gegen Covid 19, eine gute Kommunikation durch das Kultusministerium, möglichst viel Präsenzunterricht und den Erhalt von Vertrauen, Zuversicht und pädagogischem Elan in der Schulgemeinde und darüber hinaus.

Berufliche Schule

Karl-Friedrich Bätz, der Leiter der Paul-Julius-von-Reuter-Schule:

An unserer Schule gibt es naturbedingt viele Abschlussklassen. Im vergangenen Schuljahr waren es 43. Dementsprechend hatten wir viel Präsenzunterricht mit den notwendigen Hygiene-Maßnahmen und Testungen. Die Belastung war hoch.

Aber wir haben auch einiges geleistet. In der Lehrerschaft haben sich selbstorganisierte Teams gebildet, die für die Kollegen Mikrofortbildungen angeboten haben in Big-Blue-Button, Moodle und Co. Wir hatten im vergangenen Schuljahr gute digitale Verbindungen zu den Schülern. Hier haben unsere Fachinformatiker eine exzellente Arbeit geleistet. Trotzdem war es nicht immer einfach zu vermitteln, dass auch Distanzunterricht richtiger Unterricht ist. Auch hatten wir einige juristische Scharmützel, weil Schüler durchzusetzen wollten, ohne Maske in den Unterricht zu kommen. Das hat uns ziemlich beschäftigt.

Als Europaschule hatten wir das Glück, dass viele Projekte online stattfinden konnten, beispielsweise ein Seminar mit französischen Schülern aus Versailles.

Trotz der schwierigen Lage waren einige unserer Schüler sehr erfolgreich, so hatten wir im Kammerbezirk die zwölf besten Absolventen im Bereich Lager und Logistik. In einigen Betrieben wie dem Einzelhandel aber auch in der Logistik waren die Schüler sehr gefordert. Auf der anderen Seite waren über Monate Praktika verboten und wurden später verkürzt. Das alles waren Hürden, die die Schüler gut genommen haben, begleitet von ihren Lehrerinnen und Lehrern, einem extrem leistungsfähigen Team, wie ich finde.

Dazu kommt, dass bei uns dringende bauliche Sanierungen anstehen. Da befinden wir uns zwar noch in Phase Null, aber über die Gestaltung haben wir Gespräche mit einer beauftragten Architektin und einer Pädagogin geführt. Laut Stadtbaurat Nolda wird es mit dem Bauen aber nicht vor 2023/24 losgehen.

Gesamtschule

Lydia Gundlach, Leiterin der Schule Hegelsberg:

Lydia Gundlach, Leiterin Schule Hegelsberg Kassel

Ein grundsätzliches Problem beim Homeschooling war: Nicht alle Schüler verfügen verbindlich über WLAN oder gar über einen Drucker. Wir haben vieles versucht, etwa über das Schulportal, oder wir haben Aufgaben auf anderen Wegen zugestellt, analog und digital. Die Kollegen mussten sich nach der Schülerschaft richten und haben dies auch getan, auch wenn es schwierig war, alles umzusetzen. In unserem Gebäude sind Videokonferenzen nicht möglich, kurz: Auch wir hatten mit technischen Einschränkungen zu kämpfen. Die andere Herausforderung, jeden Schüler zu erreichen und zu sehen, ob er mitarbeitet, damit niemand abtaucht, war wesentlich schwieriger. Das war im Distanzunterricht ein großes Problem. Für uns steht fest: Distanzunterricht kann Präsenzunterricht nicht ersetzen.

Es war schön zu sehen, dass unsere Schüler glücklich waren, als sie wieder in den Unterricht kommen durften. In den kleinen Gruppen konnten sie zudem besser lernen, haben sie uns erklärt.

Die Abschlussklasse sind gut durch das Schuljahr gekommen, aber bei den Jahrgängen 7, 8 und 9, die monatelang im Distanzunterricht waren, müssen wir Regeln und Rituale wieder ins Bewusstsein rücken. Wir müssen wieder zusammenwachsen. Den Kindern hat die feste Tagesstruktur gefehlt. Es war ihnen ja freigestellt, wann und wie sie was erarbeiten. Dadurch hat nicht nur das Fachliche gelitten, sondern auch das Soziale.

(Christina Hein)

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