Klaus Reintjes räumt Fehler ein, sieht aber Mitschuld beim NVV

Regiotram-Geschäftsführer zu Krankenstand: "Leuten viel abverlangt"

Klaus Reintjes

Kassel. Wegen der Krise der Regiotram steht vor allem die Regiotram-Gesellschaft (RTG) in der Kritik. Dazu äußert sich Klaus Reintjes, Geschäftsführer des Tochterunternehmens von Kasseler Verkehrs-Gesellschaft (KVG) und Hessischer Landesbahn (HLB).

Herr Reintjes, fahren die Regiotrams in der kommenden Woche wieder planmäßig? 

Klaus Reintjes: Wir haben das Ersatzprogramm deutlich reduziert, denn es gibt Gesundmeldungen und einige Mitarbeiter haben angeboten, ihren Urlaub abzubrechen oder zu verschieben. Auch in der vorigen Woche haben 230 von 250 täglichen Fahrten planmäßig stattgefunden. Lediglich zwei sind ausgefallen und für 18 haben wir einen Busersatzverkehr organisiert.

Wie erklären Sie den hohen Krankenstand von 20 Prozent? 

Zur Person 

Klaus Reintjes (55) ist Geschäftsführer der Regiotram-Gesellschaft (RTG). Zudem ist er Betriebsleiter bei der Kasseler Verkehrsgesellschaft (KVG) sowie Leiter des Bereichs Betrieb und Verkehr. Studiert hat er Stadtplanung und Bauingenieurswesen. Reintjes lebt mit seiner Frau in Kassel und hat eine erwachsene Tochter. (cow)

Reintjes: Wir können hierüber nur Mutmaßungen anstellen, denn wir sehen nur die Krankmeldung, aber erkennen daraus natürlich nicht die Gründe. Die RTG hat den Betrieb der Regiotrams in der jetzigen Form im Dezember 2013 übernommen. In der Schlussphase der Vorgängergesellschaft, an der die Bahn-Tochter DB Regio beteiligt war, haben viele Bahn-Mitarbeiterdas Unternehmen vorzeitig verlassen. Wir sind mit unseren Mitarbeitern eingesprungen und konnten ihnen nur eingeschränkt Urlaub genehmigen. Außerdem haben wir einen sehr hohen Anteil von Langzeitkranken, darunter einige nach schweren Unfällen. Wenn dann eine Krankenwelle hinzukommt, reichen die Reserven nicht mehr aus.

Haben Sie Ihren Leuten zu viel zugemutet? 

Reintjes: Wir haben ihnen viel abverlangt und sie stark beansprucht. Dafür ist die Stimmung aber ganz gut. Ein Indiz dafür ist auch, dass es kaum Fluktuation unter den Mitarbeitern gibt.

Was tun Sie, um die Mitarbeiter jetzt zu entlasten? 

Reintjes: Wir behalten die Leihlokführer länger als geplant und haben ab Januar einen neuen Lehrgang mit 20 Teilnehmern. Seit August gibt es kaum noch Zehn-Stunden-Schichten, die laut Tarif erlaubt sind. Mit dem Betriebsrat sind wir im Gespräch, wie wir zum Beispiel mit anderen Dienstplänen die Fahrer weiter entlasten können.

Wolfgang Rausch, Geschäftsführer des Nordhessischen Verkehrsverbundes (NVV), spricht von hausgemachten Problemen bei der RTG. Ist das gerechtfertigt? 

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Reintjes: Nein. Aber auch wir können einiges verbessern. Wir als RTG sind für das Personal verantwortlich. Überwiegend sind die Zugausfälle aber nicht personalbedingt, sondern liegen im Bereich der Infrastruktur und der Fahrzeuge. Ein weiterer problematischer Faktor ist der Fahrplan. Vor allem aufden Strecken der RT4 und der RT5 können die vom NVV ausgearbeiteten Fahrpläne nur in der Theorie funktionieren.

Der NVV hat eine Regressforderung von 900.000 Euro erhoben. Zahlen Sie? 

Reintjes: Bisher ist eine solche Forderung bei uns nicht eingegangen und wir halten sie auf Basis der vertraglichen Vereinbarungen auch nicht für gerechtfertigt.

Also steht die Regiotram-Gesellschaft zu Unrecht allein am Pranger? 

Reintjes: Allerdings. Wir fahren ein anspruchsvolles Netz, haben 28 Fahrzeuge. 25 davon sind zu Spitzenzeiten immer im Einsatz. Dazu gab es einige langwierige unfallbedingte Fahrzeugausfälle. In der Vorgängergesellschaft fuhren nur 21 Regiotrams in der Spitze und die Strecken wurden nicht so dicht befahren wie jetzt vom NVV vorgegeben. Die Zugausfälle sind also auch durch eine zu geringe Reserve begründet.

Den Tarifvertrag hat die RTG mit der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) abgeschlossen. Verhandeln Sie bald auch mit der Gewerkschaft Deutscher Lokführer (GDL)? 

Reintjes: Nach Angaben der GDL ist der Großteil der Lokführer dort organisiert. Die erste Tarifrunde ist am 20. November. Die Verhandlungen werden sicher schwierig, Streiks können wir nicht ausschließen.

Hat das System Regiotram noch Zukunft? 

Reintjes: Die Regiotram ist ein weltweit beachtetes Erfolgsmodell. Dennoch ist es nötig, über das vom NVV bestellte Verkehrsangebot nachzudenken. Man darf das System nicht überspannen.

Von Constanze Wüstefeld und Claas Michaelis

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